Genderbender

Ich weiß wie sehr man sich bei diesem Thema in die Nesseln setzen kann. Aber angesprochen muss es trotzdem werden. Wer mir widersprechen möchte oder gewisse Aspekte vermisst – gerne melden. Dafür ist das Internet da.

 

Die neue starke Frau ist ein Arschloch

Ich schau in letzter Zeit mehr Filme und habe angefangen mich durch die Marvel-Sachen zu arbeiten. Neulich war Captain America dran und ich habe mich mal wieder geärgert. Nicht wegen der absolut haarsträubenden Physik, sondern wegen Agent Carter. Toughes Mädel, darf gleich als erstes Mal nen Bully verprügeln, sieht dabei trotzdem immer hinreißend aus und hat das Herz am rechten Fleck – was man daran erkennt, dass sie sich in den Helden verknallt. Aber natürlich sagt sie das nicht und macht auch sonst keine Anstalten es durchblicken zu lassen – toughe Mädels machen sowas nicht. Frauen die an Männern mehr als zurückhaltender Interesse zeigen und nicht darauf warten, dass besagte Männer den ersten Schritt machen, haben in Hollywood ja immer noch einen speziellen Ruf – im besten Fall den der Femme fatale.
Und als Steve Rogers dann von einer anderen Frau in eine unangenehme Situation gebracht wird, reagiert Agent Carter wie es sämtliche Hollywood-Mädels vor ihr schon getan haben – brennende Eifersucht. Und da Agent Carter ein toughes Mädel ist darf sie auf Steve schießen um das klar zu machen.
Tja … und da saß ich nun und dachte mir: Was zum Henker?
Ich stelle mir bei solchen Szenen ja gerne vor, wie das gewirkt hätte, hätte man die Rollen vertauscht – wäre Agent Carter von einem Soldaten praktisch angesprungen worden, wäre man ihr sofort zur Hilfe geeilt. Oder in ihrem Fall hätte sie sich selber wehren können. Steve kann und darf sich aber nicht wehren. Er ist ja ein Mann, dem hat das zu gefallen. Und auch die Schüsse hat er sich gefallen lassen müssen. Hätte ein Mann seine Eifersucht durch eine so gewalttätige Aktion ausgedrückt wäre das kein Mainstream-Popcornkino mehr.
Ich weiß, das soll tough und lustig wirken. Ich finde es schlimm und auch irgendwo bedenklich.

 

Romance mit und als Hinderniss

Genau diese Klischee-Falle ist der Grund, warum ich nicht gerne Romance schreibe und auch in meinen anderen Projekten Liebesgeschichten eher meide. Denn mehr als bei jedem anderen Thema habe ich das Gefühl, dass man als Autor in der Hinsicht in eine Ecke gedrängt wird. Vor allem, wenn es tatsächlich um eine Veröffentlichung geht. Das Publikum will Liebesgeschichten. Und in seinen Liebesgeschichten will es ein wenig Nervenkitzel, aber bitte nicht zu viel. Die Rollen klar verteilt, man – oder in diesem Fall tatsächlich frau ziert sich zu Beginn noch ein wenig, spielt vielleicht sogar die Unnahbare, aber am Ende geht alles gut aus.
Natürlich stemmen wir uns als Autoren und auch als Leser (Publikum allgemein) dagegen. Und trotzdem taucht dieses Schema immer wieder auf, verkauft sich zigtausendfach, weil es in unseren Köpfen immer noch festzementiert ist.
Es ist wirklich schwierig da raus zu kommen, das merke ich selbst. Ich verzichte bisher in meinen Geschichten auf die typischen Beziehungskisten. Alles andere finde ich interessanter. Nicht alles davon ist unproblematisch. Aber meine Meinung als Autor ist, dass ich nicht immer ein positives Weltbild entwerfen muss um zu sagen: so ist es richtig. Oder ein negatives, um zu sagen: so ist es falsch. Viel wichtiger finde ich, dass man Möglichkeiten aufzeigt und so gleichberechtigt als möglich nebeneinander bestehen lässt. Es muss nicht alles geschrieben werden, was tatsächlich machbar ist und es muss nicht alles machbar sein, was geschrieben wird. Es geht darum den Geist des Lesers zu öffnen, damit er ihn selbst befüllen kann.

 

Das andere Ufer scheint immer grüner

Es gibt noch einen anderen Ausweg, den gefühlsmäßig immer mehr Autoren und scheinbar allen voran Autorinnen wählen: Gay-Romance. Ich habe schon allein damit ein Problem, das als eigenständiges Genre zu sehen. Das ist Schubladendenken par Excellence. Und es hat für mich immer einen leichten Beigeschmack von Voyeurismus, wenn man als heterosexuelle Frau über die Liebesbeziehung zwischen zwei Männern schreibt oder liest. Aber wie wir alle wissen: die Welt ist nicht perfekt und das ist gut so.
Ich habe deshalb lange darüber nachdenken müssen, woher die Faszination für Gay-Romance kommt – abgesehen davon, dass es für eine heterosexuelle Frau nur eines gibt, das interessanter ist als ein attraktiver Mann: zwei attraktive Männer.
Aber das ist wirklich nicht der Grund, warum viele Frauen Gay-Romance schreiben. Was wirklich dahinter steht ist ist meiner Meinung nach eine Sehnsucht die uns schon lange leitet und der wir auch im 21. Jahrhundert noch nicht wirklich allzu nahe gekommen sind: tatsächliche und umfassende Gleichberechtigung – zwei Partner auf Augenhöhe, die ihre Beziehung nach ihren eigenen Vorstellungen und Vorzügen frei gestalten können.
Denn egal wie aufgeklärt und tolerant die Gesellschaft auch ist – Klischees, Stereotypen und Rollenbilder wird es immer geben. Der Mensch hat sie entwickelt weil sie ihm das Leben leichter machen, und es dann versäumt sie dem sich veränderten Leben anzupassen. Das ist seine Aufgabe für die nächsten paar Generationen. Bis dahin wird es so bleiben, dass Frauen und Männer im wahren Leben wie auch in Geschichten mit vorgefertigten Meinungen und Erwartungen konfrontiert werden, die sie entweder brav erfüllen können, oder sich dagegen wehren müssen. So oder so sind sie in ihre Entscheidungen und Handlungen nie vollkommen frei. Und das gilt leider im realen Leben wie im fiktiven immer noch im weit größeren Maße für Frauen als für Männer.

7 Kommentare zu „Genderbender

  1. Ein interessanter Erklärungsansatz für die Dominanz von Gay-Romance. Ich hatte bisher immer etwas…primitivere Motive vermutet, warum das gerade bei weiblichen Autoren und in gewissen Leserkreisen so beliebt ist. Besonders Slash-Fiction fand ich da immer etwas fragwürdig.
    Mit dem Bedürfnis einer gleichberechtigten Partnerschaft kann ich allerdings deutlich mehr anfangen.
    Insgesamt bleibt das ganze Thema schon noch ziemlich heikel – ich würde dir da voll zustimmen. Man kann sich damit wunderbar in die Nesseln setzen.

    Man kann sich aber auch – bitte nicht falsch verstehen – fragen, inwiefern die Bezeichnung von Unterscheidungen selbst eine Unterscheidung ist. Ob die Thematisierung dieser ganzen Genderkiste in der Literatur nicht nur dazu führt, dass wir mehr Unterscheidungen ausbilden, als überhaupt nötig sind.
    Vielleicht spricht da aber auch nur eine Ablehnung gegen Liebesgeschichten aus mir – die schreib ich nämlich auch nicht gern.

    1. Dominanz? Tintenteufel?
      Vielleicht in gewissen Kreisen. Doch denke, dass dieses Genre noch eindeutig zu unnterepräsentiert ist und zu sehr auf Romance und Love-Novels ausgelegt.

      Was ich sehr gut fand, war in Marvels ‚Jessica Jones‘, wo sie einen Charakter weiblich machen anstaatt männlich, wodurch eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft in die Serie eingeflossen ist, aber ganz im Stil der eigentlich männlichen Comicvorlage. Sehr cool. Und es ging eben nicht um die ‚Girl on Girl‘-Action sondern war so normal wie der Scheidungskrieg in einer hetero-Partnerschaft.
      So müsste das viel öfter in der Literatur und Popkultur aufgearbeitet werden.

  2. Mal wieder ein Toller Artikel von dir, liebe Mona.
    Dass du die Szene in ‚Captain America‘ dermaßen krass aufgefasst hast, lässt mich zwei Fragen stellen: 1. Hast du ein übergroßes Problem damit, dass so Szenen allgemein anerkannt und lustig sind, oder 2. ist es eher bedenklich, dass ich damit nicht so ein großes Problem hatte.
    Denn ich meine, hey Steve ist ein Superheld. In Comics und auch deren ‚Real‘-Verfilmungen wird gern ein wenig überzogen. Meiner Meinung nach ist das nicht schlimm und stört mich wenig. Schau dir übrigens mal die Serie ‚Agent Carter‘ an. Da wird dieser wundervolle Charakter weiter ausgearbeitet.
    Dass sie ihm nicht sagt, dass sie in ihn verknallt ist, liegt meiner Meinung nach auch nicht daran, dass sie ein toughes Mädchen ist, sondern eben in der Hinsicht doch wieder ’nur‘ eine Frau in den 40er Jahren. Für diese Zeit, diese Welt ist sie der Inbegriff einer Emanze und dennoch Erziehungsmäßig einfach so geprägt, dass es ihr vielleicht schwerfällt, diesen Schritt zu machen. Außerdem, das darf man auch nicht vergessen, ist es in den 40ern des letzten Jahrhunderts nochmal was ganz anderes zu sagen: „Hey ich mag dich.“ Es ist viel bindender. Also vor dem Hintergrund der Gesamtgeschichte kann ich diese Szene gut verzeihen.

    Was du aber ansonsten sagst, da stimme ich dir zu. Der ’neue‘ toughe Typ Frau scheint immer mehr in Richtung Arschloch zu gehen. Oder aber das krasse Gegenteil nämlich als devotes Betthäschen ala Ana Steel aus Grey.

    Dennoch, und vielleicht gerade deswegen, hab ich meine eigene Geschichte so geschrieben, wie ich es getan habe. Ein high-Fantasy-Buch dass sich mit Liebe auseinandersetzt ohne gleich in die Klischee-Romanze abzudriften, dennoch aber mit tiefen Gefühlen. Das habe ich versucht. Denn ja, letzten Endes gibt es im Stern von Erui eine Liebesgeschichte, wie ich mir keine zweite vorstellen kann. Aus diesem Grund sollte meine weibliche Hauptfigur einfühlsam, sanft und gleichzeitig stark sein, ohne dabei aber zum männermordenden Biest oder zur Hure zu werden. Und genau darum verliebte Aljana sich nicht in den weißen Ritter, sondern in einen Charakter mit mehr Fehlern und Makeln als Tugenden, zumindest auf den ersten Blick. Dafür muss ich mir sogar aus meinem engsten Bekanntenkreis immer wieder sagen lassen: „Aber der weiße Ritter hätte viel besser zu ihr gepasst.“ und denke mir nur: Seht ihr es denn nicht?
    Dieser weiße Ritter, der dieses ‚toughe Mädchen‘ anhimmelt, er mag augenscheinlich perfekt sein, doch ebenbürtig ist er ihr nicht. Doch genau danach sucht sie und das glaubt sie in einem ganz anderen Herzen zu finden, einem, das wie ihres weiß, wie es ist, mich sich und der Welt zu hadern.

    Ich denke also, es liegt an uns Autoren, das Bild der Beziehungen so realistisch wiederzugeben, wie wir wollen. Sicher, Klischee verkauft sich besser, doch irgendwo irgendwann wird eine solche Geschichte, eine solche Heldin vielleicht doch mal die richtigen Herzen berühren und vielleicht begreift es manch einer doch.

    Ich glaube daran. Auch wenn es nicht Mainstream ist. Aber Gay-Romance ist das ja auch nicht. Darum, lasst uns alle gemeinsam aus den Klischees brechen, mit ihnen brechen, egal, ob wir uns an neuen und ungewöhnlichen, gleichberechtigteren und glaubwürdigeren Beziehungen versuchen, oder eben an den gleichgeschlechtlichen, die vielleicht wirklich dadurch ihren Reiz bekommen. Dennoch denke ich, dass es auf den ersten Blick im Gay-Romance vielleicht einfacher wirken mag, doch selbst da sollte es starke und schwache Charaktere geben. Die Sexualität ist ja nur ein Punkt, der einen Charakter ausmacht und wie du schon so treffend erwähntest: Man sollte sich nicht in Schubladendenken pressen lassen.

    Liebe Grüße,

    Sylvia

    1. Ich habe die Szene jetzt nicht genommenen weil ich sie besonders schlimm finde, sondern weil sie gerade der Anlass für den Artikel war. Es gibt sicher Szenen in denen die Problematik noch krasser ist, aber die findet man nicht unbedingt im Popcornkino. Ich weiß auch dass das ganze wohl nicht “ganz so ernst gemeint“ war, aber das macht es nicht besser, sonder eher noch schlimmer, gerade im Zusammenhang mit Popcornkino – da steckt einfach eine grundlegende Gedankenlosigkeit dahinter, die sich problemlos auf die Zuschauer überträgt.
      Natürlich darf man solche Filme auch einfach mal genießen und kann auch 5 gerade sein lassen. Aber mit dem Überangebot, mit dem wir heutzutage konfrontiert sind nimmt sowas einfach Überhand.
      Und als Autor kann man ja eh nichts mehr lesen oder anschauen, ohne zu analysieren – ist ne Berufskrankheit, fürchte ich.

    2. Ja, in dem Punkt würde ich sogar fast sagen, dass du vll. deine Figurenzeichnung überdenken müsstest. Also ob du gut genug heraus gestellt hast, was deine Heldin und ihren LI verbindet.
      Hast du denn auch nachgefragt, warum lt. Lesern der Weiße Ritter besser zur Heldin passen soll?

  3. Ich bin mir nicht unbedingt so sicher, ob Gay Romance da so viel besser ist als Straight Romance. Auch dort werden sich sicherlich Paarkonstellationen finden, in denen beide eben nicht „gleich“ sind. Auch da gibt es sicher den heißen und verschlossenen Typen, den man(n) sich erarbeiten muss. 🙂
    Wobei „gleich“ ja auch schon wieder so ein Streitthema ist. Ich würde „gleich“ nicht unbedingt an gleichem Status fest machen, eher an der Gefühlswelt. Andererseits fürchte ich, dass Menschen, die sich da zu sehr gleichen, auch wieder nicht zusammen passen. Meiner Erfahrung nach ist ein guter Mischmasch aus gleichen und unterschiedlichen Ansichten eine gute Basis für eine Beziehung; genauso wie der Respekt voreinander und nicht der Gedanke, dass der eine vom anderen abhängig ist und dafür dankbar sein soll. Aber am Ende, gerade in Romanen, müssen beide einfach dieselben Ziele haben. Wenn der eine lieber in seinem Fischerhaus bleiben will und den anderen das Fernweh plagt, wie soll da die Beziehung funktionieren? Nur leider geht es in den meisten Geschichten nur um das Finden, nicht um das Behalten, weswegen da Figurenzeichnungen sicherlich auch zu wünschen übrig lassen und zumeist auf der sexuellen Ebene festhängen.

    1. Ich meine te in diesem Fall Gleichberechtigung in dem Sinne, dass von außen keine Erwartungen gestellt werden in Form von: “Du musst Zuhause bleiben und dich um die Kinder kümmern, um die Karriere deines Partners zu unterstützen.“ Oder: “Du bist der schwache Partner und musst auf deine Rettung warten. Und wenn du dich nicht mit dieser Rolle abfindest wird dir das zumindest unterschwellig zum Vorwurf gemacht.“

      Das mit dem “Finden“ und “Behalten“ finde ich sehr schön gesagt. Ist wohl das nächste Problem von Romance.

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