#36 | Stilles Wasser

Vargas stellte seine Tasche ab und verschränkte die Arme. “Hol ihn da raus.”

“Was?!”

“Hol ihn da raus”, wiederholte Vargas so ruhig er konnte. Hinter seiner Stirn frotzelte der Prismar. Vargas stieß ihn zurück in die Tiefen seiner Seele, wo der Zorn kochte.

“Wie stellst du dir das vor?”, fragte Marjella ehrlich erstaunt. “Soll ich da hingehen und sagen, ich hätte mich geirrt?”

Vargas hob die Schultern. “Ist mir vollkommen egal. Aber du wirst es tun.”

Mit einem Stöhnen fuhr Marjella sich über das Gesicht. Ihre Stimme bebte vor unterdrückter Wut. “Was stimmt nicht mit dir? Verdammt nochmal – es war nur ein Ork!”

“Er ist ein Ork”, schnappte Vargas. “Und sein Name ist Thuroq. Er hat dich vor mir gerettet und deinen ganzen Kram bis hierher geschleppt.”

“Er hat nur getan was ich sage, weil er unter dem Bann des Seelensteins steht”, zischte Marjella mit einem schnellen Blick umher. “Ohne das Ding hätte er uns beide umgebracht.”

Er hat die Flasche aufgehoben. Nicht weil du es ihm gesagt hast. Sondern weil er wusste, dass sie dir wichtig ist.

Vargas knurrte und beugte sich näher zu Marjella. “Genau. Er steht unter einem Bann. Als du diesen verdammten Stein genommen hast, hast du auch die Verantwortung für ihn übernommen – für das, was er tut und das, was mit ihm geschieht.”

Marjella starrte. Ihre Augen flackerten. Für einen kurzen Moment brach der Spiegel und ein Funken brennender Dunkelheit entkam.

Vargas fletschte genüsslich die Zähne. “Du willst, dass ich auf dich höre? Deinen Rat annehme, deine Befehle befolge? Dein Partner bin?” Er spuckte auf den Boden. “Dann beweis mir erst, dass du das wert bist. Beweise mir, dass du mich nicht bei der nächsten Gelegenheit genauso verschachern wirst wie diesen Idioten.”

“Und wenn nicht?”, presste Marjella hervor, versuchte so etwas wie eine Drohung in ihre Stimme zu legen, die wirkungslos an Vargas abprallte. Er genoss es gerade viel zu sehr, zuzusehen, wie sie sich wandt.

“Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich niemandem folge, der seine Leute derart im Stich lässt. Du wirst es wohl doch dem Sack probieren müssen, um mich nach Morkaria zu bringen. Ich bin gespannt, wie du das ohne den Großen oder andere Handlanger machen willst.” Ein scheußliches Grinsen stahl sich auf seine Lippen.

“Du dreimal verfluchter Narr!”, platzte es aus Marjella heraus. “Ich kann nicht sagen, dass ich mich geirrt habe! Hast du eine Ahnung, was das für meinen Ruf bedeutet?”

“Dein Ruf geht mir sowas von am Arsch vorbei.”

Marjella zischte. Die Ruhe fiel von ihr ab und mit einem Ruck war ihre Hand am Griff eines Messer. Vargas reagierte ohne nachzudenken, griff nach seiner eigenen Waffe. Roter Nebel waberte durch seine Gedanken, löschte sie aus. Die Welt begann zu kippen.

Ein mehr oder weniger verlegenes Husten brachte sie zurück ins Gleichgewicht. Die beiden Streitenden fuhren herum und starrten den Mann an, der es irgendwie geschafft hatte, sich an ihren elfischen Sinnen vorbei zu schleichen. Der lange Stab, auf den er sich stützte, gab einen kleinen Hinweis darauf, wie er dieses Kunststück vollbracht hatte.

Der Zauberer lächelte jovial. “Entschuldigt die Störung. Aber dürfte ich einen Vorschlag machen?”

“Wer seid Ihr?”, fragte Marjella barsch. “Das hier geht Euch gar nichts an.”

Der Mann lachte. Er sah aus wie alle Zauberer: ein langer, grauer Bart, von weißen Strähnen durchzogen und eine weite Robe mit fleckigem Saum umhüllten seine leicht untersetzte Gestalt. Seine Züge waren aristokratisch und eine Brille mit runden, goldgefassten Gläsern saß auf seiner gebogenen Nase. Die Augen dahinter funkelten. Arroganz und Berechnung lagen in jedem seiner Worte.

“Oh, ich gestehe – ich wurde zwar zunächst eher unfreiwillig Zeuge eurer Unterredung, konnte dann aber meine Neugier nicht zügeln. Eine üble Angewohnheit, ich weiß. Aber als ich hörte, dass ein Freund von euch offenbar unverschuldet in Schwierigkeiten geraten ist, sagte ich mir: Lucien, du alter Missetäter, da musst du helfen.” Er seufzte theatralisch und zwinkerte, fuhr dann mit übertriebener Heimlichtuerei fort: “Lasst uns doch alles Weitere drinnen besprechen.” Er wandte sich um und ging zum Gasthaus hinüber, ohne auf Vargas und Marjella zu warten.

Die beiden sahen ihm nach. Vargas schnaubte: “Hilfe von einem Zauberer – das könnte dich teurer zu stehen kommen als einen Irrtum einzugestehen, nicht wahr?”

Er sah zu Marjella und das Grinsen gefror ihm auf den Lippen.

“Wir verschwinden von hier. Sofort!”, presste sie hervor, ihre Miene ein einziger Krampf.

“Was ist los?” Vargas warf dem Zauberer einen Blick nach. Der Mann war bereits in der Schenke verschwunden.

“Frag nicht so dumm!”, schnappte Marjella und packte ihr Pferd so hart bei den Zügeln, dass es scheute. “Wir verschwinden, bevor wir wirklich Ärger bekommen.”

Vargas griff nach Marjellas Schulter und zog sie herum. “Nicht ohne Thuroq.”

“Vergiss ihn! Wir müssen fort.”

“Warum, verdammte Scheiße!?”

Marjella presste die Lider aufeinander und sprach so schnell ihre zitternde Stimme es zuließ: “Ich kann nicht hingehen und sagen ich hätte mich geirrt. Mein Ruf ist wichtig – ich habe lange und hart dafür gearbeitet und er öffnet mit Türen, ohne die wir beide aufgeschmissen sind. Du vor allem, mit deinem Mitbewohner.” Vargas schnaubte. Marjella fuhr fort, ruhiger aber nicht weniger ernst. “Außerdem habe ich das Kopfgeld schon ausgegeben. Ich kann es nicht zurückbringen. Es …” Sie knirschte mit den Zähnen, würgte dann hervor: “Es tut mir Leid. Ich habe wohl einen Fehler gemacht, aber im Moment bin ich nicht in der Lage, ihn wieder zu bereinigen. Wir haben keine Zeit. Los jetzt, lass uns verschwinden.”

Vargas betrachtete seine Begleiterin nachdenklich. Hinter seiner Stirn rumorte der Prismar, wollte neuen Zorn herauf beschwören. Aber im Moment war Vargas’ Vernunft stärker. Und auch seine Neugier. “Was ist mit dem Zauberer? Warum können wir seine Hilfe nicht in Anspruch nehmen? Etwas Geld wird ja wohl übrig sein, nicht wahr?”

Ein Geräusch bahnte sich den Weg aus Marjellas Kehle, das irgendwann vielleicht mal ein Lachen gewesen war, bevor kaltes Grauen es vergewaltigt und entstellt hatte. “Du hast keine Ahnung, wieviel Zauberer für ihre Dienste verlangen, nicht wahr?” Sie schüttelte den Kopf und die Bewegung setzte sich fort, ließ ihren ganzen Körper schaudern. “Aber das ist hier nicht das Problem – wenn er wirklich helfen würde, würde ich ihn bezahlen. Und sei es nur, um dich zur Ruhe zu bringen.”

“Was ist es dann?”, wollte Vargas mit gesenkter Stimme wissen. Inzwischen hatte die Anspannung auch ihn ergriffen. “Was stimmt mit dem Kerl nicht.”

“Kein Bannbrecher”, knurrte Marjella.

“Was?”

“Bannbrecher! Jeder Zauberer hat einen. Eine Art Leibwächter.” Marjellas Hand schloss sich fester um die Zügel. “Es gibt nur zwei Gründe, warum ein Zauberer ohne Bannbrecher unterwegs sein könnte. Entweder er ist ein Gossenzauberer – und das bezweifle ich bei dem hier sehr stark – er ist zu mächtig. Oder er ist ein Diener des Dunklen Meisters.”

 

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