#35 | Stilles Wasser

Der Stall war muffig und warm und das raschelnde Stroh zehnmal bequemer als die Betten des Gasthauses. Und er war leer, abgesehen von den Eseln und dem Ork. Vargas ließ sich neben ihm nieder und sah zu ihm auf. Der Blick des Orks war stumpf, jeder Lidschlag quälend langsam.

Vargas fluchte leise, riss den Verschluss von der Flasche und wollte den Inhalt in sich hinein schütten.

Nichts. Nicht ein Tropfen. Nur der wehmütige Duft vergangenen Alkohols.

“Dreck!“ Vargas schleuderte die Flasche von sich. Sie prallte mit einem lauten Scheppern gegen die Wand des Stalls und fiel zu Boden.

Zornig warf Vargas sich ins Stroh und versuchte die Augen zu schließen. Sein Puls raste, seine Gedanken wirbelte, rauschten. Der Prismar lachte höhnisch.

“Verschwinde endlich“, knurrte Vargas.

Neben ihm erklang ein Rascheln und er öffnete die Augen, sah wie der Ork sich langsam erhob.

“Dich hab ich nicht gemeint, Idiot!“, rief Vargas ihm nach.

Der Ork beugte sich vor und griff ins Stroh, holte die Metallflasche hervor. Sie verschwand in seiner gewaltigen Faust. Dann zog er sich wieder zurück, sank in seine ursprüngliche Position und verharrte.

Vargas beobachtete es mit zusammengezogenen Brauen. “Was willst du mit dem Ding?“

Der Ork schnaubte. Dann sprach er: “Sie braucht es.“

Vargas blinzelte überrascht. Der Zorn verflüchtigte sich. “Wozu.“

“Weiß nich.“

“Was meinst du damit?“

Der Ork grollte. Die Unterhaltung kostete ihn viel Mühe. “Weiß nicht warum sie es braucht. Sie braucht es. Guckt es immer wieder an.“

“Wie kommst du darauf?“, wollte Vargas wissen.

“Sie tut es. Ich sehe es. Wenn du nicht guckst, guckt sie.”

Erschöpft rieb sich Vargas das Gesicht. Das Gespräch war tatsächlich mühsam. ”Gib mir das Ding.“

Ohne Widerrede reichte der Ork ihm die Flasche und Vargas betrachtete sie genauer. Das Metall war abgegriffen und stumpf, der Verschluss hatte seine Tücken. Die Flasche war schon älter und viel benutzt worden, aber man konnte erkennen, dass sie von hoher Qualität war. An einer Ecke war sogar etwas eingraviert – der Buchstabe F.

“Verdammte Scheiße“, murmelte Vargas und strich mit dem Daumen über die feinen Linien.

Gute Arbeit, sicher nicht billig gewesen. Und das bei ihrem Geiz …

Nachdenklich ließ Vargas sich wieder ins Stroh sinken. Sein Kopf war voller düsterer, bitterer Gedanken. Um sich abzulenken sah er zu dem Ork auf.

“Seit wann kannst du sprechen?“

Ein langgezogenes Brummen ging der Antwort voraus. “Seit immer.”

“Und warum hast du nie etwas gesagt?“

“Keiner hat mich was gefragt.“

Vargas presste die Lippen aufeinander. Dann versuchte er eine halbwegs bequeme Position zu finden und schloss die Augen.

Ein letzter Gedanke scheuchte ihn wieder auf. “Hast du auch einen Namen?“

“Ja.“

Vargas wartete, seufzte und fragte: “Wie ist dein Name?“

Wieder verstrichen Augenblicke. Die breite Stirn des Orks legte sich in tiefe Falten. “Thuroq …“ Es klang wie ein Vorschlag.

Na wunderbar …

Vargas schüttelte den Kopf und drehte sich um.

 

Marjella stand inmitten des Sees. Ihre Füße berührten die schimmernde Oberfläche und man hätte fast meinen können, das Wasser wäre nur einen Fingerbreit tief. Vargas wusste, dass das nicht stimmte. Er wusste, dass unter dem ruhigen Spiegel ein schwarzer Abgrund lag, mit scharfen Zähnen und zermalmendem Hunger. Alles, was Marjella davon trennte, war die Stille des Wassers. Ein falsche Bewegung, die diese Ruhe brach, und sie würde fallen.

Sie wusste es ebenso. Ihre Augen waren geschlossen. Sie stand reglos. Nur ihre Lippen bewegten sich, formten stumme Worte, wieder und wieder, unablässig, ewig fortdauernd strömte es aus ihr heraus.

Vargas spürte das Lachen des Prismars. Es war genauso tonlos wie Marjellas Mantra, und genauso mächtig. Feine Wellen kräuselten den See, trieben unaufhaltsam auf die Halbelfe zu.

“Pass auf!”

 

Vargas schlug die Augen auf und betrachtete für einen stillen Moment die schimmeligen Sparren über sich, die das undichte Dach trugen. Stroh stach ihm in den Nacken. Irgendwo furzte ein Esel.

“Und das hier hast du wirklich meiner Gesellschaft vorgezogen?” Marjella stand in der Tür und rümpfte die Nase.

Vargas richtete sich auf und ignorierte das dröhnende Echo seines eigenen Schreis, das noch immer durch seinen Schädel hallte. “Zehnmal besser als dein Schnarchen.”

Er beobachtete wie Marjellas Miene sich verzog und stellte fest, dass die Befriedigung über diesen kleinen Sieg schal schmeckte. Neben ihm im Stroh lag die Flasche aus Metall. Vargas nahm sie und warf sie Marjella zu. Sie fing sie knapp und Vargas konnte nur deshalb sehen, wie sie Erleichterung und Schmerz aus ihren Zügen verbannte, weil er darauf gewartet hatte. Er knirschte mit den Zähnen.

“War er dein Gefährte?”, wollte er wissen.

“Furgam?” Marjella entkam ein knappes, hartes Lachen. “Nein. Dazu kannten wir uns zu gut.” Sie zögerte, und sprach dann weiter, sanfter als zuvor, vorsichtiger. “Er wohnte früher nebenan, als ich … noch bei meiner Mutter war. Er ist dann irgendwann Söldner geworden und weil ich nichts besseres zu tun hatte, bin ich mit ihm gegangen.”

“Deine Mutter hatte nichts dagegen?” Vargas rieb sich das Gesicht.

In Marjellas Augen blitzte es auf. “Sie war schon lange tot, als ich aufbrach. Sind wir jetzt mit der Gefühlsduselei fertig? Oder willst du mir auch noch dein Herz ausschütten?”

“Vergiss es”, knurrte Vargas und stand auf.

“Schade. Ich hätte zu gerne erfahren, wer dir beigebracht hat, wie man sich rasiert. Ich habe nie jemanden mit elfischem Erbe gekannt, der das konnte.”

Vargas hielt den brennenden Zorn zurück, den ein Instinkt ihm durch alle Hirnwindungen trieb. “Ach, rasierst du dich nicht? Ich dachte Menschenweiber hätten das nötig.”

“Du meinst Zwerge. Angeblich hatten deren Frauen Bärte.”

Vargas spuckte aus und genoss das angeekelte Zucken in Marjellas Gesicht, wie sie mühsam die Zurechtweisung hinunter schluckte. “Wie spät ist es?”

“Spät.” Marjella stieß mit dem Fuß gegen ein paar Taschen, die neben ihr auf dem Boden standen. “Ich habe schon alles Nötige besorgt. Auch etwas zu Trinken. Für den absoluten Notfall, damit das klar ist! Wir sind bereit zum Aufbruch.”

Vargas nickte erleichtert. Er folgte Marjella aus dem Stall heraus und sah sich auf dem schmalen Hof um. Zwei Pferde standen dort, gesattelt und mit Taschen ausgestattet. Verwundert hob Vargas die Brauen. “Wo ist Thuroq?”

Marjella, die sich bereits am Zaumzeug zu schaffen gemacht hatte, sah ihn verwirrt an. “Wer?”

“Der Ork”, erklärte Vargas. “Er heißt Thuroq. Wahrscheinlich.”

“Ah.” Marjella nickte und hob die Schultern. “Er ist im Kerker.”

“Im Kerker?” Vargas ließ sein Gepäck wieder sinken. “Was ist passiert? Was hat er angestellt?”

“Nichts. Zumindest nichts, von dem ich wüsste.”

“Und warum sitzt er dann?”

Marjella antwortete mit einem Seufzen: “Er ist ein Ork. Sie sehen für Menschen alle gleich aus. Irgendeiner von ihnen hat hier in der Gegend Ärger gemacht und jetzt haben sie eben den Großen dafür eingesackt.”

“Und du hast nichts getan?!”

Marjella sah Vargas mit gerunzelter Stirn an. “Ich habe das Kopfgeld kassiert.”

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