#24 | Bündnisse

Vargas ging auf Marjella zu und beobachtet zufrieden, wie sie versuchte sich von ihm fort zu schieben. Sie wand sich, kroch und versuchte zu strampeln. Ihre Augen waren wie Irrlichter, das durchdringenden Blau von Furcht getrübt.

Hinter Vargas’ Stirn knurrte der Prismar. Ein tiefer, kehliger Laut, voller Genuss. Vargas spürte das fremde Bewusstsein, das sich fest um seine Gedanken gewunden hatte. Es war wie ein leichter Druck auf seine Schultern, der ihn vorwärts schob, ihn antrieb und bestärkte. Der Prismar lechzte nach Blut. Vargas wollte Rache.

Gemeinsam beugten sie sich über Marjella und hielten sie fest. Vargas drückte sie zu Boden, ihr Gesicht in den feuchten Waldboden. Ihre Schrei wurden dumpf und undeutlich. Sie kämpfte noch immer. Ihre Bewegungen hatten ihre Geschmeidigkeit verloren und ihre Kraft alleine reichte nicht aus um gegen Vargas anzukommen. Zuviele Prügeleien, Rangeleien und Abreibungen hatten ihn zu einem ausgezeichneten Kämpfer gemacht. Der Zorn flammte auf. Nun war er an der Reihe.

Der Prismar schrie vor Freude. Vargas dachte gar nicht mehr daran, ihm die Stirn zu bieten. Er spürte wie der Dämon ihn stärkte, seine Bewegungen und Ziele unterstützte. Er schützte ihn vor der Hitze, die durch das Leder am Griff des Messers drang, die Vargas eigentlich versengen sollte. Es war gar nicht notwendig gegeneinander zu kämpfen. Sie wollten das Gleiche.

Vargas drückte Marjella sein Knie in den Rücken. Er schob sich über sie, nutzte sein ganzes Gewicht, um sie festzunageln.

Sie japste nach Luft.

“Schön still halten“, murmelte er. “Sonst rutscht mir noch die Klinge aus.“ Vargas leckte sich über die Lippen. Sie schmeckten bitter. “Ich will das hier genießen, eines nach dem anderen. Erst deine Hände. Was dann? Willst du es dir aussuchen?“ Seine Stimme brach, wurde rau. Er musste nach Atem ringen. “Deine Augen? Deine verkrüppelten Ohren? Ah ja, die Haare.“

Vargas begann zu zittern. Der Prismar drängte sich immer weiter nach vorn, forderte, brüllte gierig.

Vargas neigte sich zu Marjella hinunter, grub seine Finger in ihre Haare. “Das wird schön. Ich leg’ dich einfach ins Feuer, bis alles weg ist.“ Er hörte das Raunen einer fremden Stimme, die sich unter seine legte. “Erinnerst du dich an den Gestank den du in Ashuraya verbreitet hast? Er hat die gut gestanden, Bastard. Ich glaube das ist ein gutes Ziel, um darauf hin zu arbeiten. Es wird lange brauchen. Aber wir haben Zeit. Ich habe Zeit, alle Zeit.“

Die Welt vor Vargas’ Augen verschwamm. Roter Nebel hüllte alles ein. Er zerrte Marjellas Arme so hoch es ging und setzte das Messer an. Es zischte und stank. Sie schrie.

Vargas wurde davon geschleudert.

 

Ihr eigener Schrei hallte schrill in Marjellas Ohren wieder. Die Panik nahm ihr alle Sinne, der Schmerz wallte durch sie hindurch. Dann ebbte er ab und ließ sie kalt und leer zurück. Sie zitterte, rang um Atem. Kiefernnadeln stachen ihr in die Zunge. Ihr Mund war voll davon. Sie schmeckten modrig.

Der Druck auf ihrem Rücken war verschwunden, wurde Marjella langsam klar. Bebend vor Erleichterung hob sie den Kopf.

Vargas lag ein ganzes Stück von ihr entfernt und bewegte sich nicht. Das Pferd hatte sich losgerissen und war davongestürmt. Irgendwo in den Tiefen des Waldes hörte Marjella den Hufschlag, der sich entfernte.

Sie schluckte. Was auch immer das Tier in Panik versetzt hatte, es stand hinter Marjella. Sie hörte es atmen. Und was auch immer es war, es hatte Vargas wie eine Puppe durch die Luft geworfen, ihn mit einem Schlag außer Gefecht gesetzt.

Neues Grauen betäubt die Schmerzen in Marjellas Körper. Langsam rollte sie herum und wagte einen Blick.

Wie ein Fels ragte der Ork über ihr auf.

Marjella starrte.

Seine Nüstern bebten leicht. Sein Blick war auf Vargas gerichtet, aber er rührte sich nicht.

Er wartet auf Befehle.

Marjella drehte sich noch ein Stück und stieß gegen die breiten Füße des Orks.

Er sah auf sie hinab und blinzelte.

Für einen Augenblick hielt Marjella die Luft an. Der Ork setzte sich und verharrte. Der leere Blick seiner winzigen, rot geäderten Augen blieb auf Marjella haften.

“Hilf mir“, murmelte sie, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte.

Der Ork blinzelte und griff dann nach ihr. Seine Pranken umschlossen Marjella und zogen sie in die Höhe. Dann ließ er sie los und starrte wieder.

“Die Seile. Schneid sie auf.“

Er hob das Messer auf, das neben Marjella lag, und durchtrennt die Fesseln.

Mit einem Stöhnen brachte Marjella ihre Gelenke und Glieder wieder in die vorgesehenen Positionen. Sie zitterte und sah auf ihre Hände hinab. Am linken Arm hatte die heiße Klinge eine Brandwunde hinterlassen.

“Verdammte Scheiße!“ Sie hasste es, wenn ihre Stimme so schrill wurde.

Marjella presste die Arme an sich und versuchte, ihren Körper unter Kontrolle zu bringen. Ihre Kleider waren nass vom Angstschweiß, zogen die Kälte der Nacht an. Mühsam stand Marjella auf und ging ein paar Schritte. Ihre Knie wollten unter ihr nachgeben. Sie zwang sie weiter zu gehen.

Als sie endlich wieder klar denken konnte, sah sie den Ork an, der sich nicht gerührt hatte. Auf seinem Rücken hing noch immer das Beutegut, inklusive des halben Pferdes und auch der Überreste seines Reiters. Marjellas Hand begann zu suchen und ertastete schließlich den Seelenstein, der unter ihrer Kleidung fest hing. Sie zog das Juwel heraus, behielt dabei den Ork im Auge. Er regte sich nicht, grunzte nur leise.

Mit einem tiefen Atemzug befestigte Marjella den Seelenstein an ihrem Gürtel. Dann begann sie damit, die Fracht des Orks zu durchsuchen, fand Verbandszeug und kümmerte sich um ihre Wunde.

Als sie fertig war nickte sie dem Ork zu. “Komm mit.“

Er stand auf und folgte ihr zu Vargas hinüber. Marjella stieß den Alb an. Er lebte noch. Ein Zucken erstellte seine scharf geschnittenen Züge und auf seinem breiten Rücken glitten formlose Schatten unter der Haut entlang.

Marjella schauderte. “Was für ein beschissener Auftrag.“

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