#10 | Die Ruine

Marjella versuchte sich frei zu strampeln, aber Vargas war schwer. Furgam und zwei weitere ihrer Begleiter waren endlich bei ihr angekommen, zerrten den bewusstlosen Alb von ihr herunter.

“Warum war er nicht gefesselt!?“, fuhr Marjella ihre Handlanger atemlos an. Sie kämpfte gegen den Schwindel, versuchte aufzustehen. Ihr Atem ging schwer und keuchend.

“Wir haben ihn ordentlich verschnürt, Boss!“, protestierte einer der Männer. Er hob Vargas’ Arm zum Beweis. Die roten Striemen der Fesseln um die Handgelenke waren noch zu erkennen. Ebenso einige Schürfwunden.

“Er muss die Arme frei bekommen haben“, brummte Furgam. “Den Rest hat die Straße für ihn erledigt. Ich hatte gedacht das Bannblatt würde länger halten.”

Er stieß Vargas mit dem Fuß an. Dann beugte er sich hinunter und drehte den Bewusstlosen um. Die Kopfgeldjäger schreckten zurück – Vargas’ Augen waren offen. Aber sein Blick war leer und stumpf, ging ins Nichts.

Fasziniert wedelte Furgam mit der Hand vor Vargas’ Gesicht herum. “Warum hast du das nicht schon beim letzten Mal gemacht?“, fragte er.

“Weil es verdammte Elfenmagie ist!“, fauchte Marjella. “Sie hätten alle gleich gewusst wer und was ich hin und wir wären nie lebend da raus gekommen.“

Furgam legte die breite Stirn im Falten. “Ich kenn’ dich jetzt schon ziemlich lange, und du …“

Marjella schnaubte ihn an: “Das ist meine Sache. Meine allein! Und jetzt verpackt ihn. Richtig, dieses Mal!“ Sie drehte sich um. “Ich geh’ ins Wasser. Wer mir nach kommt ist seine Augen los.“

Marjella spürte wie der Boden unter ihren Füßen schwankte und fluchte innerlich. Trotzdem ging sie zum Fluss, suchte sich eine Stelle, die hinter Felsbrocken gut verborgen war und riss sich eilig die Kleider vom Leib. Der Gestank musste weg, der Schmutz, der Schweiß, die Angst und das unsägliche Gefühl, dass die Magie wieder einmal im ihr hinterlassen hatte.

Marjella stieg ins Wasser. Es war eisig kalt, schnitt und stach. Sie genoss es und tauchte unter.

Hier ist es wenigstens still. Ich habe genug von ihrem Gerede und Gefurze. Ich will diesen verdammten Auftrag endlich hinter mich bringen.

Dämlicher Furgam und seine Ideen! Keinen Augenblick länger hätte ich es ausgehalten mit diesem Gestank! Was denkt er sich eigentlich, mich durch diese Hölle zu schicken!? Er weiß ganz genau wie sehr ich auf meine Sinne angewiesen bin!

Verdammtes Elfenblut! Stärke, Schnelligkeit, Geschicklichkeit, übermenschliche Sinne! Aber zu welchem Preis? Sie haben ja keine Ahnung …

Er hat nicht gewusst, was ich kann? Ich wünschte ich wüsste es selbst nicht.

Marjella tauchte auf und rang um Atem und Fassung. Sie drängte die Bilder zurück, die nun Teil von ihr waren, obwohl sie es nicht sein sollten.

Scheiße, ich hätte das nicht tun sollen. Natürlich wirkt es intensiver bei einem Alb. Bei Menschen ist es immer nur ein Rauschen, Nebel, Fragmente, nicht …

Sie versuchte durch zu atmen und das Gefühl abzuschütteln, dass jemand hinter ihr stand mit einem Messer, bereit ihr mehr zu nehmen als nur das Leben, sie in ihre Einzelteile zu zerlegen, in Stücke zu reißen mit einem einzigen, glatten Schnitt.

Sie wollte nach Luft schnappen. Aber die Blicke lasteten auf ihr wie Blei, drückten sie zu Boden, banden sie, ließen die erstarren wie ein Karnickel im Angesicht einer Schlange. Es kostete so unglaublich viel Kraft, sich davon zu befreien. Immer und immer wieder, jede Minute, jeden Augenblick aufs Neue.

Kein Wunder, dass er andauernd besoffen ist. Vielleicht sollte ich das auch mal probieren. Einmal nur, wenn keiner hinschaut. Wenn ich endlich mal meine Ruhe habe vor diesen ganzen Idioten und ihren Prahlereien und Geschwätz. Ich stecke zu tief da drin. Mutter hätte mir die Ohren noch länger gezogen, wenn sie gewusst hätte, dass ich mich auf dieses Niveau begeben würde.

Bastard …

Arschloch!

“Marjella?“

Sie zuckte zusammen, schlang die Arme um ihren nackten Körper und fuhr herum. In ihren Augen brannte der Zorn und Furgam hob beschwichtigen die Hände. “Komm schon. Ich hab dir schon mal den Hintern abgewischt.”

Marjella spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. “Da war ich drei Jahre alt!“

“Und ich zehn“, seufzte Furgam. “Damals war alles einfacher.“

Er hob ein Bündel. “Deine Klamotten. Dachte mir, ich bring die dir ‘rüber, bevor du danach suchen musst.“

Marjella starrte ihn an. “Danke.“

“Ich leg’ sie hier her.“ Furgam deponiert das Bündel auf einem der Felsen, die Marjella vor den Blicken der Kopfgeldjäger schützte. “Bleib nicht zu lange da drin, du holst dir den Tod. Wir haben unser Paket neu verschnürt. Sehr sorgfältig dieses Mal.“

“Zieht ihm noch einen Sack über den Kopf“, brummte Marjella. “Ich hab genug von seiner Visage.“

Furgam nickte. “Wann brechen wir auf?“

“Gleich. Ich will noch ein paar Meilen zwischen mich und Fairan at Darnen bringen. Es ist nicht mehr weit zum Tempel.“ Marjella seufzte erleichtert.

Und dann ist endlich Schluss mit dem Unsinn.

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