#3 | Ashuraya

Fairan at Darnen – “Land der Wölfe”. Land des Regens, Land der Kälte, Land der Trostlosigkeit … so hätten sie es nennen sollen. Der eine Ort Asariens, wo niemand leben will. Wir sind nur zu stolz es auszusprechen.
Vargas prallte gegen eine Mauer und starrte sie verwirrt an.
Wahrscheinlich verdienen wir einander, dieses Land, das Volk und ich. Keiner von uns würde je zugeben, dass wir die Nase voll haben voneinander, nicht länger miteinander auskommen. Wir kotzen uns gegenseitig an.
Der Boden unter ihm schwankte und Vargas beschloss, sich für einige Augenblicke an der Mauer fest zu halten, bevor er sich wieder abstieß, gegen das Haus auf der anderen Seite der schmalen, dunklen Gasse fiel und dann weiter stolperte.
Sie hätten mich dem Nebel übergeben sollen, oder den Wölfen! Die verdammten Viecher hätten zumindest etwas mit mir anzufangen gewusst. Niemand hätte mich vermisst.
Das Pflaster unter seinen Stiefeln löste sich auf und er stürzte drei Stufen hinab.
Ich hätte sie nicht vermisst. Keinen von ihnen! Was haben sie schon je für mich getan? Einmal mein Leben geschont, damit sie den Rest davon zu einem Alptraum machen können. Sie sehen nicht einmal auf mich herab. Sie starren nur. Starren und manchmal schreien sie. Ich kann es nicht mehr hören.
Vargas blieb liegen bis die Welt wieder still stand.
Nein. Niemand da, der mich vermissen würde. Niemand den ich vermissen würde. Niemand, der mich verteidigen würde, der bei einer Schlägerei auf meiner Seite ist, der mir den Rücken frei hält. Scheiße! Nicht mal jemand der mir jetzt sagt, wie ich nach Hause komme.
Vargas rollte herum und starrte nach oben. Der Regen hatte seine Meinung über ihn noch immer nicht geändert, prügelte weiter auf ihn ein.
Ich sollte einfach hier liegen bleiben und schlafen. Wäre nicht das erste Mal und nicht das scheußlichste Eck, in dem ich je aufgewacht bin.
Vargas versuchte einen Fluch, aber seine Zunge war noch schwerfälliger als der Rest von ihm, stolperte über die Worte und fiel hin. Vargas schloss die Augen.
Er döst für einige Augenblicke und seine Gedanken verirrten sich im wohligen Dunst, den der Alkohol in seinem Kopf hinterlassen hatte. Sie wirbelten träge umeinander, stießen ab und zu zusammen. Das Rauschen des Regens untermalte ihren Tanz. Vargas brummte zufrieden.
Besser als der ganze Zorn und die zurückgehalten Schreie, die sonst da oben unterwegs sind. Und besser als die madige Matratze und der kratzigen Lumpen von einer Decke, die in der Kaserne auf mich warten …
Das anhaltende Prasseln kalten Wassers auf seinem Gesicht erodierte den angenehmen Schleier über Vargas’ Erinnerungen. Darunter lauerte etwas.
Kaserne, Offizier, Verwarnung, Übung im Morgengrauen … Dreck!
Vargas kam mit einem Stöhnen auf die Beine. Er musste zurück und zumindest den kläglichen Rest dieser Nacht in seinem Bett verbringen, wenn er sich nicht morgen eine Stunde lang anbrüllen lassen wollte um dann drei Tage im Karzer zu verbringen.
Das Leben ist schon beschissen genug.
Vargas stolperte vorwärts, in die Richtung, in der er die Kaserne vermutete, bis er fast gegen ein Hindernis stieß. Mühsam hob er den schmerzenden Kopf und starrte die kleine aber breite Gestalt an, die ihm den Weg versperrt. Ein seltsamer Geruch hing in der Luft und kitzelte eine Erinnerung wach. Aber noch summte ein ganzer Schwarm Schwarzwespen in Vargas’ Schädel und lenkten ihn ab.
“Verzieh dich”, schnaubte er.
“Nur einen Moment, bitte.”
Vargas blinzelte. Der Akzent verriet den Menschen und ein kleiner Teil von Vargas’ Gehirn, den auch der heftigste Rausch nie erreichen konnte, zerrte ein Bild hervor.
Eine Gruppe Menschen, in der Schenke. Im hintersten, dunkelsten Winkel, wo sie ihre Ruhe hatten. Ihr Gestank war fast unerträglich, Schweiß, Knoblauch und Tabak. Sie haben alles gesehen – den Streit, die Schlägerei, das Mal.
Das Mal, das Vargas schon vor Jahren den Glauben an Zufälle genommen hatte.
Mit einem Knurren griff er nach seinem Messer. Der Dunst in seinem Kopf lichteten sich ein wenig, genug um die drei anderen Menschen zu erkennen, die versuchten sich im Schatten der Gasse zu verbergen.
Der Mann mit dem Tabak hob die Hände. “Einfach still halten, Großer. Dann haben wir es gleich.”
“Vergiss es!”, schnappte Vargas und riss das Messer aus der Scheide.

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