#27 | Die Akademie

Es war spät geworden und eine feurig glühende Abenddämmerung hatte sich über Zaraban gelegt, tauchte die Gebäude der Akademie in rosigen Schimmer. Die jüngeren Studenten waren auf dem Weg in die Schlafsäle, die älteren saßen nach dem Abendessen noch in kleinen Lauben um den Haupthof zusammen und studierten. Die Pagen eilten hin und her, brachten Papier und Schreibzeug, Getränke und kleine Knabbereien. Ab und an flammte das Licht eines Zaubers auf und Beifallsrufe erklangen.

Lucien machte einen Bogen um den Hof herum. Würde er den offiziellen Weg gehen müsste er sich Fragen und unnötiger Anerkennung stellen. Wo immer er auftauchte kamen früher oder später jüngere und auch ältere Studenten zusammen, um mit ihm über die Hohe Kunst zu diskutieren. An sich unterhielt Lucien sich gerne darüber. Was ihm fehlte war ein ebenbürtiger Gesprächspartner.

Er nutzte den Kreuzgang, nickte den wenigen anderen Studenten, die ihm dort begegneten, unverbindlich zu. Über einige Treppen und kleine Passagen, die nur den Aufmerksamen bekannt waren, erreichte er die Bibliothek schnell und ungestört. Lucien hatte eine Abneigung gegen neugierige Augen, die seinen Bewegungen folgten und sein Handeln hinterfragen. Das war mit der Grund, weshalb es ihm vor der Promotion graute, die ihm in wenigen Tagen bevorstand. Ihre eigentliche Funktion war nicht, den zu Magistern aufgestiegenen Studenten die verdiente öffentliche Anerkennung zukommen zu lassen, sondern vielmehr, sie unter die fortwährende Obhut eines Bannbrechers zu stellen. Lucien hatte die Idee eines Leibwächter eigentlich immer für sinnvoll erachtet. Immerhin gab es tatsächlich Probleme, die mit Magie nicht einfach zu lösen waren, oder die schlicht und ergreifend zu profan waren, als dass ein Zauberer sich damit befassen müssen sollte. Das war Lucien einleuchtend und sogar praktisch erschienen – bis er die Bannbrecher, die in einem eigenen Trakt der Akademie auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden, kennengelernt hatte. Praktisch alle Männer, die diese Laufbahn gewählt hatten, waren besserwisserische Machos. Und nichts konnte Lucien weniger ausstehen. Er brauchte niemanden, der ihm sagte, wie er seine Aufgabe als Zauberer zu erfüllen hatte. Das wusste er eindeutig selbst besser als jeder andere.

Mit einem Seufzen schüttelte Lucien diese bedrückenden Gedanken ab und atmete den herrlichen Geruch der Bibliothek tief ein. Stille herrschte, durchbrochen vom leisen Knistern alten Papiers. Nur einige kleine Lampen glommen sacht. Ihr Licht war magischer Natur und damit ungefährlich für die wertvollen Schriftstücke, die in zahl- und endlosen Reihen auf wissbegierige Geister warteten. Lucien hörte ihren lautlosen, lockenden Ruf und lächelte. Es gab so viel zu lernen, so viel zu wissen. Der Pfad zu absoluter Macht und Unsterblichkeit war lang und voller Windungen. Lucien hatte sich schon als Kind darauf gefreut ihn zu beschreiten und jede Abkürzung zu finden.

Nur noch einer der Assistenten wartete hinter dem Schalter auf späten Besuch. Die Bibliothek von Zaraban schloss nie ihre Pforten. Trotzdem wirkte der ältere Mann müde und lustlos. Als er jedoch sah, dass es Lucien war, der die Bibliothek betreten hatte, nickte er ihm mit einem stummen, freundlichem Lächeln zu. Jeder Assistent kannte Lucien und wusste, dass er bestens in der Lage war alleine zurechtzukommen.

Lucien erwiderte das Nicken und ging am Schalter vorbei zu den Abraorben hinüber, die den Studenten ihren Weg zu den gewünschten Büchern wießen. Stifte und Papier lagen bereit, mit denen die gesuchten Themen und Schlagwörter an die Kugeln weitergereicht werden konnten. Diese Erfindung hatte in den letzten dreitausend Jahren die Arbeit mit dem Erbe der Seher wesentlich vereinfacht und somit die Macht der Zauberer vermehrt.

Leider – nach Luciens Meinung – ging mit einem solchen Mehr der Macht auch immer eine Ausweitung von Einschränkungen, Verboten und natürlich Kontrolle einher. Zu diesem Zweck sammelten die Abraorbe sämtliche Suchanfragen und die Namen der Personen, die sie gestellt hatten, und leiteten sie an das Konzil weiter.

Lucien war nicht gewillt, seine Schritte und Gedanken einem Gremium verstaubter und verbitterter Greise zu offenbaren. Aus diesem Grund hatte er einmal mehr seiner größten Leidenschaft gefrönt und eine Umgehung der bestehenden Regel gefunden. Oder in diesem Fall: geschaffen.

Mit einem schnellen Blick über die Schulter, vergewissert sich Lucien, dass der Assistent ihn nicht beobachtete, und holte dann einen Abraorb unter seiner Robe hervor. Er war klein und nicht ganz so schnell wie die offiziellen. Aber er war unabhängig und verschwiegen, was seinem Schöpfer das Wichtigste war. Lucien war stolz auf seine Leistung. Es gab niemanden außer ihm, der zuerst auf die Idee kommen und sie dann auch noch hätte umsetzen können.

Zufrieden kritzelte er eines seiner liebsten Worte auf ein kleines Stück Papier und hielt es an die glasähnliche Hülle der Kugel. Nach einem kurzen Augenblick leuchtete der krakelige Schriftzug auf und verschwand. Der Abraorb begann sacht zu glimmen. Er glich die Anfrage mit älteren ab, schloss bereits gelesene Werke aus der Suchmatrix aus und stieg dann auf, um auf Augenhöhe davon zu schweben. Lucien folgte seinem fahlen Licht, das ihn in die dunklen Weiten der Bibliothek führte.

Die Regalreihen glitten an ihm vorbei. Buchrücken und Titel zogen dahin. Ab und an erweckte einer davon Luciens Aufmerksamkeit und er blieb kurz stehen, um ihn sich für eine andere Gelegenheit einzuprägen. Der Weg führte weiter, immer weiter und tiefer in die düstere Welt des Wissens, wo Lucien sich Zuhause fühlte.

Schließlich bog der Abraorb vom Hauptgang ab und wählte eine unauffällige Abteilung voller Legenden, Mythen und Märchen aus ganz Asarien.

Lucien lächelte. Er liebte es, dass viele Perlen der Weisheit an Orten verborgen lagen, an denen niemand sonst suchen und fündig werden würde. In seinem Nacken breitete sich ein angenehmes Prickeln aus.

Luciens freudige Erwartung wurde aber jäh gedämpft, als vor ihm in der Dunkelheit ein leises Schluchzen erklang.

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