#11 | Die Ruine

Der Duft der Kiefern füllte das Tal an dessen steilen Hängen sich die Straße immer höher und höher hinauf wand. Der Wind rauschte in den Kronen der verkrüppelten Bäume, brachte den Geruch des Schnees von den Gipfeln herunter. Ab und an mischte sich unter das Raunen und Jammern das ferne Heulen der Wölfe. Fairan at Darnen trug seinen Namen nicht umsonst.
Die Kopfgeldjäger hatten ihre Hände immer in der Nähe ihrer Waffen und ihre Blicke glitten unruhig hin und her.
Furgam brummelte: “In Ashuraya war zumindest klar, worauf wir achten mussten. In dieser gottverlassenen Gegend könnte alles passieren.“ Er schniefte. “Wenn ich es nicht besser wüsste würd’ ich sagen, hier stinkt’s nach Orks.“
“Hör mit dem Gejammer auf.“ Marjella ließ ihr Pferd langsam neben dem Karren her marschieren.
Furgam spuckte aus. “Wie lange müssen wir hier bleiben?“
“So lange es eben braucht.“ Sie sah zurück zum Karren, wo Vargas saß, gut verschnürt, festgezurrt und mit einem Sack über dem Kopf. Trotzdem wusste sie, dass seine Aufmerksamkeit ihr galt. Er hörte zu, wand den Kopf immer in Ihre Richtung.
Ich hasse ihn.
“Wie genau soll es weitergehen?“, fragte Furgam mit gesenkter Stimme. “Was genau suchen wir … dort?“
Marjella schnaubte. “Wüsste ich das, würde ich unser Paket da hinten nicht mitschleifen. Er wird es uns sagen müssen.“
“Du glaubst allen Ernstes, dass er noch mit uns redet?“
Arjalle hob die Schultern. “Ich kann sehr überzeugend werden.“

 

Die Dämmerung kam früh und mit ihr der Regen. Die Nachtschatten krochen eilig aus ihren Verstecken zwischen scharfen Felszinnen und Kiefern und drängten sich um Menschen und Elfenwesen. Die Pferde schnaubten nervös und schließlich gab es kein Weiterkommen mehr. In der Dunkelheit war der Weg nicht mehr sicher. Die gepflasterte Straßen, der sie nach der Furt gefolgt waren, hatte sich bald unter Geröll und Schutt verloren.
“Wie weit noch, Boss?“, fragte einer der Männer Marjella.
“Nicht allzuweit“, antwortete sie unwillig und hätte sich eher die Zunge herausgeschnitten als zuzugeben, dass sie noch keine genaue Vorstellung davon hatte, wohin ihr Weg sie führte. “Wir machen Halt.“
Die Männer stiegen ab, seufzten erleichtert, fluchten über ihre schmerzenden Hintern und bereiteten das Lager und ein Abendessen.
Während sie im Schein eines kleinen Feuers saßen und auf hartem Brot kauten, warfen sie unruhige Blicke zwischen Marjella und dem immer noch gefesselten Vargas hin und her.
“Bekommt der nichts?“, rang sich schließlich einer ab.
Marjella lächelte humorlos. “Du kannst es gerne versuchen. Sag’ Bescheid wenn er dir die Finger abgebissen hat.“
“Ich dachte er sei wertvoll?“
“Nicht für lange.“ Marjella spuckte aus. “Ich verschwende keine Ressourcen.“

 

Die Kopfgeldjäger hielten abwechselnd Wache. Irgendwo jenseits des Feuerscheins regte sich etwas in der Nacht. Doch nichts und niemand kam ihnen zu nahe. Am nächsten Morgen ging Marjella und besah sich die wenigen Spuren, die der Regen übrig gelassen hatte. Es waren Abdrücke von Wölfen, größer und tiefer, als sie sie je zuvor gesehen hatte.
“Packt nur das Nötigste zusammen“, befahl sie, als sie ins Lager zurückkehrte. “Zwei von euch bleiben hier beim Karren. Den Rest des Weges schaffen wir so schneller. Wir sind heute Abend wieder da.“
Sie nahmen ihre Ausrüstung und sattelten die Pferde. Marjella spannte ihre Armbrust, ließ die Sehne nur ein kleines Stück von Vargas entfernt einrasten, so dass er es deutlich hören konnte.
“Steh auf.”
Vargas regte sich nicht. Sein Kopf steckte immer noch in dem Sack, aber Marjella musste sein Gesicht nicht sehen, um sich den Ausdruck darin vorzustellen.
Sie trat gegen sein Bein, drückte es zu Boden bis die Knochen knackten. “Du musst nicht weit laufen. Die Strecke können wir dich auch schleppen. Aber bequemer ist es für uns, wenn ich dir jetzt nicht durchs Knie schießen muss. Also: steh auf.“
Marjella trat zurück und nach einem kurzen Moment der Ungewissheit stemmte Vargas sich in die Höhe. Er ließ sich ohne weitere Gegenwehr zu den Pferden führen und auf eines davon zerren.

 

Sie verließen den Pfad, dem sie bisher gefolgt waren. Der Weg führte zwischen scharfkantigen Felsen hindurch. Über ihren Köpfen neigten sich die Kiefern gegeneinander, schufen so ein Dach, das sie vor einem Teil des immer noch anhaltenden Regens schützte.
Für ein paar Stunden irrten sie so umher und die Kopfgeldjäger begannen zu murren. Marjella schenkte ihnen keine Beachtung. Es gab keine genauen Instruktionen, denen sie folgen konnte. An diesem Punkt hatten Usmars Quellen offenbar versagt. Und das war mit der Grund, warum er sich ausgerechnet an Marjella gewandt hatte – ihre scharfen Sinne, die nun nicht länger vom Gestank ihrer Tarnung behindert wurden, fanden die Spur, die sie unweigerlich zu ihrem Ziel führen würde. Ab und an schloss Marjella die Augen, um sich konzentrieren zu können. Der Geruch war schwach, vom Wind hin und her getragen, aber so alt und so mächtig, dass er unaulöschlich die Luft füllte und mit jedem Schritt, den sie sich ihrem Ziel näherten, stärker wurde, bis er den Duft der Kiefern übertrumpft und sich scharf und stechend in Marjellas Gedanken bohrte.
Ich hätte mich nicht darauf einlassen sollen.
Vor ihnen lichtete sich das Labyrinth aus Felsen. Es war ein fließender Übergang und die Menschen bemerkten ihn erst, als er schon geschehen war. Um sie herum ragten keine natürlichen Felsformationen mehr auf, sondern von Menschenhand geschaffene Säulen und Wände. Sie waren alt und verfallen. Trümmer versperrten den Weg. Geröll und Schutt hatten den glatten Boden bedeckt.
Es war mehr als tausend Jahre her, dass das letzte Mal Menschen diesen Tempel betreten hatten. Aber damals wie heute konnten sie sich nicht gegen den unheilvollen Sog wehren, der ihre Aufmerksamkeit in den hinteren Teil der Anlage zog. Wie ein Maul voller abgebrochener Zähne klaffte das Sanktuarium den Kopfgeldjägern entgegen. Mitten darin stand der flache Altar, der von der Zeit unberührt schien.
Furgam rümpfte die Nase. “Nach was riecht es hier?“
Marjella lächelte bitter. “Blut.“

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