#34 | Stilles Wasser

Die Wächter vor den Toren von Dagab warfen einander nervöse Blicke zu, als Marjella sich mit Vargas und dem Ork im Schlepptau näherte. Vargas konnte es ihnen nicht verdenken. Diese Menschen lebten zu nahe an Fairan at Darnen, um keine Angst vor Alben zu haben und Orks waren eine Plage, die jeden jederzeit treffen konnte.

Marjella schenkte den nervösen Männern keine Beachtung, bis die ihre Hellebarden senkten und ihr den Weg versperrten.

“Ja?“, wandte sie sich mit kühler Miene an den Größten der Vier.

Der Wächter schluckte. Er salutierte kurz, als wolle er sich damit an seine offizielle Funktion erinnern, die ihm das Recht gab Marjella auszufragen.

“Ihr reist in sehr merkwürdiger Gesellschaft“, brachte er hervor.

Marjella warf einen Blick über die Schulter. “Da hast du vollkommen Recht.“

Der Wächter leckte sich über die Lippen. “Würdet Ihr mir verraten, was ihr in der Stadt wollt?“

“Plündern, Brandschatzen, Frauen und Kinder entführen und die Mauern schleifen, …” Die Gesichter der Wächter wurden bleich, ihre Augen groß. Marjella gönnte ihnen ein kurzes Lächeln, mehr ein Zucken der Mundwinkel. “… wie ein alter Freund von mir bei solchen Gelegenheiten immer zu sagen pflegte.” Sie seufzte. “Wir suchen ein Quartier für ein oder zwei Nächte und wollen unsere Verpflegung aufstocken. Dann sind wir auch schon wieder weg.“

Der Wächter versuchte ebenfalls ein Grinsen auf seine Lippen zu zwingen, scheiterte dabei aber kläglich. Sein Blick huschte wieder zu Vargas und dem Ork. “Diese beiden … werden keine Schwierigkeiten machen?“

“Sie gehorchen mir aufs Wort.“

Vargas schnaubte verächtlich. Marjella ignorierte es, schob stattdessen ihren Mantel beiseite und ließ die Wächter einen Blick auf den Seelenstein erhaschen.

“Gut“, sagte ihr Gesprächspartner, sichtlich erleichtert, dass er zumindest eine halbe Ausrede würde vorweisen können, wenn man ihn später vor ein Tribunal zerrte, und trat beiseite.

Marjella nickte ihnen zu und ging weiter. Vargas schloss zu ihr auf und knurrte: “Ich gehorche dir also aufs Wort?“

Sie schnaubte. “Das wäre gut für dich.”

 

Der Gestank der Menschen füllte die Luft, die unbeweglich zwischen den schiefen, schmutzigen Häusern hing. Vargas spürte, wie sich der Staub und Ruß und Schlimmeres auf ihm niederließ. Nichts, was ein gründliches Bad nicht beheben konnte. Viel schlimmer waren die Blicke, die ihn von allen Seiten trafen. In Ashuraya war es kaum anders gewesen. Dort hatten das Misstrauen und die Abscheu seinem Mal gegolten und später seinen geschorenen Haaren und Vargas hatte gedacht, er hätte sich daran gewöhnt. Aber zwischen Ashuraya und Dagab lagen viele Meilen und mehr. Die Anwesenheit des Prismars, seine Unruhe, sein Forschen nach etwas, mit dem er Vargas aus dem Gleichgewicht bringen konnte, zehrten an dem Alb. Er versuchte dagegen anzukämpfen, Ruhe zu finden. Das Bild eines stillen Sees kam ihm in den Sinn, brachte für einen kurzen Augenblick Frieden, bis er sich bewusst wurde, dass er dabei war, Marjella nachzugeben. Knurrend stieß er auch das von sich. Er schwankte, wurde hin und her gerissen und mit jedem weiteren Schritt wurde es schlimmer.

Die Menschen um ihn herum starrten. Sie spürten seine Anspannung, beantworteten sie mit Furcht und Hass. Ihre Blicke prasselten auf Vargas nieder, brachten Schmerzen und Erinnerungen.

Verräter! Missgeburt! Tötet ihn!

Irgendwo klirrten Ketten.

Vargas fuhr herum, suchten fieberhaft nach der Quelle des schrillen Geräusches, fand nur Köpfe, die schnell gedreht wurden, Blicke, die vor seinem flohen, um sofort wieder zurückzukehren, wenn er ihnen den Rücken zuwandte.

Verderben.

Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, war tief ein seine Seele, sein Wesen, eingeprägt. Egal wo er war, wem er begegnete – jeder konnte es spüren, es sehen. Vargas sorgte dafür, jeden Tag, immer wieder.

Ein leises Kratzen, eine Klinge, die über Haut schabte.

Missgeburt! Verräter! Sperrt ihn ein! Vernichtet ihn! Rettet uns!

Mit einem Keuchen fuhr Vargas herum, sah einen Metzger mit blutiger Schürze, der an einem Tisch vor seinem Laden die Haut eines Schweines abschabte. Das Metall in seinen Händen fing das Licht der Sonne ein, warf es Vargas ins Gesicht.

Packt ihn! Haltet ihn! Tötet ihn!

Jemand ergriff Vargas’ Arm. Er zuckte herum, die Hand schon am Messer.

“Beherrsch dich gefälligst”, zischte Marjella ihm zu. Dann drehte sie sich wieder um und ging weiter, glitt durch die Menschenmenge wie ein Aal durch totes Holz und Kraut am Grunde eines trüben Tümpels.

 

Sie fanden einen kleinen Gasthof, dessen Besitzer halb blind war und deshalb nichts dagegen hatte, dass ein Ork in seinem Stall untergebracht wurde. Die beiden Esel dort schrien nervös und drängten sich in eine Ecke. Vargas war dankbar für die Ruhe, die in dem kleinen, dämmrigen Hinterhof herrschte. Außer ihnen war niemand da.

“Nur noch ein Zimmer“, brummelte der Wirt. “Werdet ihr euch teilen müssen, Jungs.“ Mit diesen Worten reichte er Marjella einen Schlüssel. “Abendessen is’ gleich fertig. Wascht euch. Ihr stinkt schlimmer als ein Pack Alben.“

Sengender Zorn fuhr Vargas in den Magen. Der Prismar regte sich, sandte roten Nebel, der Vargas’ Kopf füllte, ihm die Sicht nahm.

Marjella stieß ihn an, drängte ihn in Richtung des Brunnens. “Danke.“

“Lass mich los“, zischte Vargas.

Marjella schüttelte den Kopf. “Sei endlich still. Ich will die Stadt ohne größere Zwischenfälle verlassen.“

“Diesem Drecksloch würde ein ordentliches Feuer nur gut tun”, knurrte Vargas.

Sie seufzte. “Du hast ja keine Ahnung, wieviel Schmiergeld man zahlen muss, damit so ein ‘kleines Missgeschick’ unter den Teppich gekehrt wird. Also beherrsch’ dich gefälligst.”

 

Das Abendessen bestand aus einem dünnen Eintopf und altem Brot. Als der Wirt kam um ihnen zwei große Becher mit Bier hinzustellen, schüttelte Marjella den Kopf.

Der alte Mann hob nur die knochigen Schultern und verschwand wieder bevor Vargas auffahren konnte.

“Was soll das?“, schnaubte der Alb. “Ich habe Durst.“

“Es gibt Wasser.“

Vargas deutete auf den Krug, der in der Mitte des Tisches stand. “Das Zeug hat eindeutig einen höheren Nährwert als das Bier hier. Und nicht genug Alkohol um die Bauchschmerzen, die es verursacht, erträglich zu machen.“

“Du sollst nüchtern bleiben.“

“Und du hättest eine bessere Unterkunft finden können.“

“Die wäre teurer gewesen und hätte uns wahrscheinlich nicht aufgenommen.“

Vargas sog scharf die Luft ein.

“Untersteh dich auf den Boden zu spucken“, zischte Marjella.

Der Prismar lachte laut auf und in Vargas ballte sich ein Schrei zusammen.

Marjella seufzte. “Wir gehen wohl besser aufs Zimmer.“

 

Eine kleine Kerze aus klebrigem, grauem Wachs war die einzige Lichtquelle in der engen Kammer, die Vargas und Marjella sich teilen sollten. Ihre rußende Flamme erhellte zwei schmale Pritschen mit dünnen Matratzen und kratzigen Decken.

“Ganz wie Zuhause“, brummte Vargas und legte sich hin. Er war müde und wollte nichts mehr sehen und hören.

“Steh wieder auf.“ Marjella streifte Rüstung und Kleider ab. “Du musst noch zur Ruhe kommen. Wir …“

“Hör auf mir Befehle zu erteilen!“, schnappte Vargas. “Und halt’ dich endlich aus meinem Kopf heraus.“

Marjella verschränkte die Arme vor den Bandagen über ihrer Brust. “Das Thema haben wir lang und breit diskutiert. Ich versuche dir zu helfen.“

Vargas schnaubte verächtlich. “Helfen? Nur ein Trick um mich unter Kontrolle zu bekommen.“ Er spuckte aus.

Marjella fuhr ihn an: “Hör auf damit! Und hör auf mit diesem verdammten Unsinn! Ich habe absolut keinen Bock in deinem beschissenen Kopf herum zu rühren bis die ganze Scheiße ans Licht kommt! Ich mache das damit der Prismar Ruhe gibt und dich nicht in etwas verwandelt das niemand mehr kontrollieren kann!“

Vargas sprang auf. “Lüg mich nicht an du Drecksstück! Du hättest mir einfach den Schnaps geben können! Dann wäre das Ganze überhaupt nicht nötig gewesen!“

“Ich habe keinen! Zum letzten Mal!“

Vargas machte einen Schritt. In der Enge der Kammer reichte das, um direkt vor Marjella zu stehen. Sein Blick brannte auf sie herab, seine Lippen zuckten, entblößte seine Zähne. Er zischte voller Hass: “Du lügst. Ich rieche es genau.“

Marjella starrte ihn an. Ihr Hand ruckte nach unten. Vargas packte sie, bevor sie dem Griff des Messers zu nahe kam.

“Lass mich los“, verlangte Marjella. Ihre Stimme war ruhig und kalt, drohte zu brechen. Die Scherben würden spitz und scharf sein und die Auseinandersetzung blutig enden lassen.

Der Prismar leckte sich die Lippen, heulte vor Verlangen.

Nein, so leicht mache ich es dir nicht.

Vargas’ Finger lösten sich langsam von Marjellas verbundenen Handgelenk.

Sie griff hinter ihren Rücken, zog etwas aus der Tasche und drückte es Vargas in die Hand. “Hier. Und jetzt verschwinde.“

Vargas nahm die metallene Flasche entgegen, drehte sich um und verließ das Zimmer.

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