Kunst|Handwerk

Grafiker, Illustrator, Autor, allgemein kreativer Mensch – aber Künstler? Nein, so würde ich mich nicht bezeichnen.

 

Diener höherer Ziele

Es gibt lange und breite Diskussionen darum, wo gerade in der Literatur die Grenzen zwischen Unterhaltung und Kunst verlaufen. Viele Autoren stellen nicht allzu geringe Ansprüche an sich und ihre Texte, auch im fantastischen Genre. Es soll nicht einfach nur gut sein – es soll überraschen, es soll begeistern, es soll eine Botschaft übermitteln. Und das nicht auf dem silbernen Tablet, sondern kunstvoll eingewoben.
Und damit wären wir bei der Begrifflichkeit “Kunst“. Ist es denn eine Kunst, eine Botschaft in einem Text so zu verarbeiten, dass der Leser sie unbewusst wahrnimmt, sie womöglich sogar mühsam herausarbeiten muss?
Die Texte und Geschichten die wir im Deutschunterricht auseinander genommen und analysiert haben, haben eben das offenbar ganz bravorös gemeistert. Und das sind Klassiker, sie gehören zum Kulturgut – sind eben Kunst. Namen wie Goethe, Mann, Fontane – wer würde sich als Autor nicht gerne dort einreihen?
Und die Stimmen die protestieren, man würde zuviel in die Texte hinein interpretieren? Alles nur verdrossene Jugendliche, die heutzutage eh kein gutes Buch mehr in die Hand nehmen? Oder wollte der Autor tatsächlich nicht viel mehr sagen, als dass der Himmel blau ist. Mitnichten.

 

Stärke und Schwäche

Für mich gibt es bei diesem Thema, zwei wichtige Aspekte: zum einen die Idee, die Botschaft, die vermittelt werden soll. Das ist eine Stärke des fantastischen Genres: es kann sich praktisch aller Themen annehmen und sie in eine spannende Geschichte verpacken. Zum anderen ist da aber noch die Umsetzung, die Ausarbeitung – ganz allgemein gesprochen das Handwerk des Schreibens. Und hier liegt die angebliche Schwäche, die man dem fantastischen Genre oft vorwirft: es halte sich zu sehr an vorgegebene Strukturen und Stereotypen. Die Heldenreise als ein Beispiel wird inzwischen von vielen Autoren abgelehnt, da sie als ausgelutscht und einschränkend empfunden wird. Ein Rahmen, in dem vielleicht ein schönes buntes Bild hängen kann, aber ganz sicher keine Kunst. Geschichten nach solchen Mustern aufzubauen ist in etwa wie ein Porträt nach der Formel punktpunktkommastrich zu zeichne. Es funktioniert – aber es ist keine Kunst.

 

Stereotypen

Was dabei übersehen wird ist der Grund, warum punktpunktkommastrich funktioniert: die Gesichtserkennung ist eine der effizientesten Leistungen unseres Gehirns. Andere Menschen in bekannt und unbekannt und damit in Freund und potenzielle Gefahr zu unterscheiden, Emotionen und Intentionen innerhalb kürzester Zeit erkennen zu können, war lange Zeit lebensnotwendig und ist auch heute noch Grundstein unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Aus diesem Grund sind wir es auch gewohnt Stereotypen, Vorurteile und Schubladen zu verwenden. So sehr man sich dagegen sträubt, sie funktionieren in vielen Fällen.
Ähnlich ist es mit der Heldenreise und ähnlichen Strukturen – sie funktionieren, weil wir Menschen daran gewöhnt sind, und sie inzwischen, wie zum Beispiel C. G. Jung es mit den Archetypen beschreibt, in uns drin sind.
Warum sollte man sich als Autor also davon abwenden, wenn es doch die Arbeit erleichtert und das Gesamtwerk einfacher zu verkaufen macht?
Weil man ja eigentlich etwas Neues schaffen wollte, etwas bedeutender – Kunst eben! Oder ist das etwa gar nicht möglich?

 

Werkzeugkiste statt Palette

Ich persönlich betrachte mich nicht als Künstler. Weder was meine bildnerischen, noch was meine textlichen Werke angeht. Für mich ist das ganz einfach Handwerk.
Handwerk bedeutet etwas genau so zu schaffen, dass es seinen Zweck bestmöglich erfüllt. Im Grafikdesign gilt hier die Regel: Form follows function. Beim Schreiben heißt das für mich, dass ich mich der Mittel und Werkzeuge bediene, von denen ich weiß, dass sie meine Botschaften möglichst effektiv übermitteln. Und das heißt nicht nur präzise – sonst würde ich einfach hinschreiben was ich meine. Bei Unterhaltungsliteratur heißt es eben “auf unterhaltsame Art und Weise“ – also in eine spannende Handlung eingewoben.
Ich bediente mich zum Beispiel bekannter Elemente, um dem Leser schnelle Orientierung und Verständnis zu ermöglichen. Wenn ich möchte, dass er innehält und über etwas nachdenkt, werde ich ihm etwas Ungewohntes und Überraschendes in den Weg legen.
Insoweit ist jedes Mittel das der Autor wählt durchaus bewusst und mit Bedeutung beladen. Der Himmel ist blau weil der Leser Wärme auf seiner Haut spüren soll.
Emotionen zu wecken, zum Nachdenken anregen, eine Botschaft übermitteln – das ist für mich keine Kunst, sondern neben Grammatik und Rechtschreibung die absolute Basis des Autorenhandwerks.

 

Natürlich ist es auch möglich im Fantasy-Romanen Kunst zu schaffen, oder zumindest eine ganz neue Ebene von literarischer Qualität zu erreichen. Wer das möchte, der soll sich davon nicht abbringen lassen. Das Schwierige dabei ist aber das richtige Publikum zu finden. Denn punktpunktkommastrich funktioniert bei allen Menschen in praktisch jeder Lebenslage. Picasso oder gar Kandinski nur für die, die sich wirklich darauf einlassen wollen.

3 Kommentare zu „Kunst|Handwerk

  1. Ich mag Picasso und Kandinski 😉

    Aber mal wieder ein sehr schöner Artikel. Ich kann nur grade keine ausführliche Antwort verfassen, weil ich nicht so viel Zeit habe.

    Aber um mal meinen Mann zu zitieren: „Das ist dann so der Designeransatz.“

    Design vs Kunst. Was will man erreichen? Oder wen?

    Ich denke, dein Weg und deine Ansicht ist die absolut perfekte, wenn es darum geht, ein breites Publikum zu packen.

    Ich weiß nicht, ob ich diesem Ansatz so ganz folgen kann, denn ich probiere gerne aus. Mit ungewöhnlichen Perspektiven und Erzählstrukturen. Form follows function ist ein netter Gedanke, mir genügt er aber nicht. Und ja, ich würde ( und habe) daran jederzeit festhalten, auch wenn es mich die eine oder andere Leserstimme kostet.

    Macht mich das nun zum Künstler nach deiner Definition?

    Ich weiß es nicht. Ich mag aber, was du schreibst und wie du versuchst, den Unterschied herauszuarbeiten. Es gibt mir jede Menge Denkanstoß, auch dazu, warum man schreibt, wie man schreibt. 🙂

    Aber danach sind Autoren nicht alle Künstler sondern eher Wort und Geschichtndesigner. Und ja, ich glaube das kommt bei vielen auch hin (Nein, das ist nicht abwertend gemeint, lediglich eine Feststellung). 🙂

    Vielen Dank Mona.

    1. Auch zum Designerhandwerk gehört es dazu mal was neues zu machen, in völlig andere Richtungen zu denken, zu überraschen und mit Erwartungen zu spielen. Aber immer zielgerichtet und sauber ausgearbeitet – so die Idealvorstellung.
      Und ich glaube du weißt ja eh am besten, wohin man mit seiner Planung meistens gerät. 😉
      Es läuft natürlich nie ganz so glatt wie beschrieben und wenn da nicht ein klein wenig Idealismus und künstlerische Ambitionen in mir wären, wäre ich wahrscheinlich nicht Fantasy-Autor.

  2. Liebe Mona,
    ich mag deine Gedanken und finde deine Ansichten sehr interessant. Rein ÜBERHAUPT darüber nachzudenken, was Kunst nun ausmacht oder ob ich mich als Künstler verstehe, ist etwas, bei dem man viel lernen kann – vor allem über sich.

    Ich persönlich verstehe mich als Künstlerin. In seiner Sinnsuche und seiner Symbolik ist ein Herrmann Hesse z.B. mir nah. Ich stehe vor den Picasso-Tuschzeichnungen und fühle die Suche nach ETWAS. Ich höre ein Lied und spüre die gleiche Sehnsucht.
    Und genau das habe ich, wenn ich schreibe. Dieses Grundgefühl.

    Kunst für mich ist nicht, wenn es die Regeln erfüllt, genauso, wie es keine Kunst ist, nur weil es Regeln bricht.
    (Ablehnung der Heldenreise)

    Kunst ist für mich nicht, wenn es ist, wie es sein SOLL, sondern es soll sein, wie es IST.

    Kunst ist, wenn es anderen eine Weltsicht aufzeigt – nämlich meine – und sie so anregt, ihre eigene einmal bewusst wahrzunehmen.

    Kunst ist, wenn ich es fühlen kann – den Schöpfer in seinem Werk.

    Daher ist Kunst für mich auch keine Funktion. Kein „können, erfüllen, sollen, müssen, bezwecken.“
    Sie ist Selbstausdruck. Der Moment, wo ich als Künstler ehrlich bin zu mir selbst, bereit bin, die eigene Form abzulegen und mich in einer anderen neu zu erschaffen.
    Also eher ein:
    „Form follows beeing.“

    Und hier beginnt der spannende Teil. Was drückt mich aus? Bin ich ein Mensch, dem Ordnung und Regeln wichtig sind? Ist es das, was meine Bücher ausdrücken?
    Bin ich ein Mensch, der denkt, Erwartungen erfüllen zu müssen? Fühle ich mich unsicher ohne Struktur? Breche ich sie bewusst, weil ich mich sonst eingeengt fühle? Bin ich darauf ausgerichtet, ein „So sollte es sein“ zu erfüllen?
    Warum genau kann ich NICHT stolz dazu stehen, mich als Künstlerin zu bezeichnen? Was verbinde ich mit diesem Wort?

    Ich bin Schöpferin. Wenn ich im Außen abbilde, was mich im Inneren ausmacht, wenn ich vermag, DAS zu erkennen UND anderen mitzuteilen, wie kann das denn KEINE Kunst sein?

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