Offenbarungseid

“Guten Tag. Mein Name ist Mona und ich bin Fantasy-Autor.“ Ich glaube es gibt kaum jemanden außerhalb der schreibenden Zunft, der sich vorstellen kann, wie schwer es ist diesen Satz laut auszusprechen.

 

Die spinnt doch

Schon in der Schule wurden damals heftige Diskussionen darum geführt, bis zu welchem Grad ich wohl verrückt, dumm oder unreif wäre. Der Grund dafür? Irgendwann hat es sich nicht mehr verheimlichen lassen, dass ich mir Anime ansehe und auch selber Manga zu zeichnen versucht habe. Ich gebe zu, die Ergebnisse meiner Kritzeleien waren wirklich nicht sehenswert damals. Aber es war nicht die Qualität meines Schaffens, sondern das Schaffen selbst, das bei meinen Klassenkameraden und auch bei Lehrern Kopfschütteln im besten Fall und wesentlich häufiger Beleidigungen und Hänseleien zur Folge hatte.
Und ich als unbedarftes halbes Kind saß da und habe händeringend versucht herauszufinden, was genau denn nicht mit mir stimmt. Ich wusste schon damals, dass meine Hobbies nicht alltäglich sind. Bei den anderen stand Sport auf dem Programm, später Parties und bei manchen vielleicht noch Musik. Aber Manga und Animes? Lesen? Gar Fantasy? Kinderkram! Unfug! Dumm!

 

Zeiten ändern sich

Das war circa um die Jahrtausendwende. Heute – mehr als ein Jahrzehnt später – haben Manga und Anime, Comics und Games, Fantasy und SciFi ihren Platz im Mainstream gefunden. Nicht zuletzt, so glaube ich gerne, weil es Menschen wie mich gab, die an ihrer Leidenschaft festgehalten haben und sie als Erwachsene salonfähig machen konnten.
Wenn ich mich heute umschaue, sehe ich zahllose Frauen in meinem Alter, die wie ich Sailor Moon lieben, Manga zeichnen und Fantasy lesen und schreiben. Ich weiß jetzt, dass ich nicht alleine bin. Ich kann jetzt mit Stolz sagen: “Seht her! Das bin ich, das kann ich, das tue ich.“ Und die Antwort ist: “Hey, super!“
Sogar mein Bruder – jahrelang der Rädelsführer der Mitschüler, die sich über mich lustig gemacht haben – ist auf meiner Seite. Er ist einer meiner Testleser, wir reden über meine Projekte und alles mögliche andere, das mit Fantasy zu tun hat.
Es ist traumhaft. Ich bin dort angekommen, wo ich hin wollte. Aber manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass das alles nur eine kleine, in sich geschlossene Blase ist, in der ich diese Freiheit erleben kann. Denn wenn es darum geht mit meinen Hobbies, meiner Leidenschaft an die Außenwelt zu treten … tja, da zögere ich wieder.

 

Mit der Tür ins Haus

Selbst heute noch, selbst in meinem näheren Umfeld (dem persönlichen, alltäglichen, nicht der Online-Community, in der ich mich bewege) gibt es nur sehr wenige Menschen, die wissen, was ich so treibe. Einer Nachbarin habe ich Feuergabe gezeigt. Meine Familie hat es gekauft. Ich wollte meinen Schwager noch fragen, ob er (als bekennender Fantasy-Leser) mal einen Blick reinwerfen will, habe es aber nie so wirklich über mich gebracht. Meinem Chef habe ich es erzählt, weil wir irgendwann auf das Thema Märchen und Mythen gekommen sind. Die Reaktionen waren im den meisten Fällen durchaus positiv. Enthusiastisch natürlich nicht, aber eben auch nicht der befürchtete Tiefschlag.
Also warum zögere ich noch immer? Warum fällt es mir so schwer mich zu öffnen und frei darüber zu sprechen, was ich tue? Warum fällt es mir sogar schwer, meinem Ehemann meine Projekte zu zeigen, mit ihm drüber zu sprechen? Warum bin ich so verdammt unsicher?

 

Harte Arbeit

Ich denke es liegt nicht nur am Schreiben selbst. Es ist vielmehr das Genre. Krimi, Thriller und Liebesromane – so habe ich das Gefühl – sind in der Gesellschaft gut verankert. Inzwischen erkennen die meisten Leute an, wieviel Arbeit tatsächlich in so einem Werk steckt, wieviel Recherche und Handwerk. Und das schöne an Fantasy ist meiner Meinung nach, dass man all diese Genre mit einbauen kann, alle Themen bearbeiten, die man will – eben nur in einem fantastischen Setting. Und da geht ein bisschen was schief beim Verständnis der meisten. “Da muss man ja nicht richtig recherchieren, da denkt man sich einfach was aus.“ Das hört man leider nicht nur von sogenannten Außenstehenden, sondern leider auch oft genug von selbsternannten Autoren, die sich dank Selfpublishing und online-Vertrieb mit möglichst wenig Aufwand möglichst eine goldene Nase verdienen wollen.
Wer lange und tief genug in der Szene ist weiß, dass das nicht funktioniert. Fantasy zu schreiben ist ebenso harte Arbeit wie ein Krimi oder ein Thriller. Worldbuilding alleine ist ein Themenfeld, mit dem man sich außerhalb des Genres kaum auseinandersetzen muss. Eigene Sprachen, Magiesysteme, Gesellschaftsstrukturen die nicht einfach eine Kopie realer Modelle sind, Intrigen und ganze Historie – das ist und bleibt harte Arbeit und dafür wollen wir Autoren ich anerkannt werden.

 

Das bin ich

Für mich persönlich ist es aber nicht diese mangelnde Anerkennung, das einfache Unverständnis, mit dem man es leider immer noch oft genug zu tun bekommt, wenn man von Fantasy spricht, was mich davor zurückschrecken lässt, mich meinem Umfeld schonungslos zu offenbaren, zu sagen: “Seht her, das bin ich!“
Es ist dieses “das bin ich“, das mir Kopfzerbrechen bereitet. Denn nicht nur dass ich schreibe, sondern auch was ich schreibe sind in meinen Augen Spiegelbilder meiner Haltung, meiner Ansichten, Ideen, meines Verständnisses, meiner Art zu handeln, meiner Wünsche und Ängste. Ich bringe all diese Dinge zu Papier weil nicht alles davon Platz in der Realität hat. Aber eben dieser Realität will ich diese Dinge auch präsentieren. Mit jeder Geschichte die ich schreibe offenbare ich ein Stück meiner Identität, meines Ichs. Und jedes Mal muss ich darauf hoffen, dass es auf Anerkennung trifft. Oder zumindest nicht auf Ablehnung stößt. Wenn man ein Leben wie meines geführt hat, das gerade in der prägenden Jugend von Selbstzweifeln und Anfeindungen erfüllt gewesen ist, dann sind einem diese Dinge unglaublich wichtig, auch wenn man gelernt hat so zu tun, als sei das nicht der Fall.

 

Outside the box

Aber selbst abseits davon, ob das, was ich von mir selbst offenbare positive oder negative Reaktionen hervorruft, ist alleine schon der Akt der Offenbarung manchmal schon zu viel. Die meisten der Leute, die mich damals in der Schule für meine Hobbies verachtet haben, hatten natürlich keine Ahnung von deren Inhalten, geschweigeden haben sie sich dafür interessiert, was ich tatsächlich gemacht habe.
Es ging ihnen einfach nur gegen den Strich, dass ich meine Kreativität und damit meinem Selbst in irgendeiner Form Ausdruck verlieh. Diese Haltung bessert sich langsam – zumindest in den Kreisen der Gesellschaft, die ich überblicken kann. Aber noch immer ist unsere Welt von einem tiefen Misstrauen gegenüber denjenigen geprägt, die im irgendeiner Weise aus dem Raster fallen. Oder besser: die aus freiwillig aus diesem Raster heraustreten, indem sie ein Stück von sich selbst offenlegen und sich damit angreifbar und verwundbar machen.
Die eigene Sicherheit ist dem Menschen ein wertvolles Gut. Diese Sicherheit in Frage zu stellen, sogar ein Stück weit abzulegen, ruft in der Gesellschaft Irritation hervor. Deswegen reagiert sie zumeist ungemütlich. Ich glaube, das ist das, was mir passiert ist, als ich versuchte der Welt zu zeigen, was alles in mir steckt. Und genauso erging es auch vielen anderen. Es ist hart.

 

Warum also mache ich trotzdem damit weiter? Warum schreibe ich trotzdem Fantasy-Geschichten, in denen ich der Welt ein Stück meines Innersten auf dem Silbertablett präsentiere? Warum schreibe ich hier und jetzt in klaren Worten, dass ich mich unsicher fühle, dass ich mich tatsächlich nach Anerkennung sehne? Warum kann ich nicht aufhören mich zu öffnen und etwas in die Welt hinaus zu rufen, dass sie womöglich gar nicht hören will?
In einem meiner letzten Artikel habe ich klar gesagt: “Ich sehe mich nicht als Künstler.“ Dabei ist es genau dieses “der Welt einen Spiegel vorhalten“, dieses “etwas aussprechen, das andere nicht hören wollen“, dieses “zeigen dass es mehr gibt als die sichtbare und doch nur konstruierte Realität des Individuums“ doch genau das, was einen Künstler ausmacht.
Oder einfach das, was einen Menschen ausmachen sollte, wenn wir wirklich daran interessiert sind, alle in echter Sicherheit und damit in Frieden leben zu wollen.
Nein – ich will kein Statement abliefern. Ich will das nur gesagt haben.

Ein Kommentar zu “Offenbarungseid

  1. Ich denke, dass kreatives Schaffen sehr, sehr oft einer Unzufriedenheit mit der Welt entspringt, und dass jeder Schaffende sich allein dadurch schon aus- oder zumindest abgrenzt vom Idealbild des leichtlebigen, fröhlichen Konsumäffchens. Gerade in… nicht-demokratischen Ländern wie China graust es mich oft, wie sie dort mit Schriftstellen umgehen, die die angeordnete Lebensrealität als Lüge enttarnen. Vermutlich passiert in der Schule, unter Jugendlichen, oder später allgemein unter Menschen, dasselbe wie in China: Die Leute haben Angst vor Menschen, die sich nicht so verhalten wie erwartet, und die vor allem nicht die gleichen Werte teilen, weil diese Menschen dadurch unberechenbar werden. Hinzu kommt dann vermutlich auch die Angst der Oberen/ der Rudelführer, dass da jemand ist, der ihre Positionen untergraben kann, der ihre angeordnete Realität auseinander nehmen kann und sie dadurch ihre Machtposition verlieren.
    Insgesamt denke ich aber, dass die meisten Leute einfach Angst vor dem Unbekannten haben, weil sie selbst sich nicht vorstellen können, kreativ schaffend tätig zu sein. (Was sehr ulkig ist, da ich denke, dass Schaffen an sich ein Grundbedürfnis des Menschen ist, und wenn es nur der Schrebergarten oder das liebevoll gepflegte Auto ist. Irgendwo verwirklicht sich jeder selbst, nur eben das Immaterielle, das, was am Wertesystem nagen kann, macht halt Angst.)

    Der Seelenstriptease ist aber natürlich etwas, auf das ich auch verzichten könnte. (Ich wurde auch ausgelacht als ich mal eine Geschichte im Unterricht vorgetragen habe, oder ein Gedicht besonders schauspielerisch, mit der Stimme, vorgetragen habe.) Gerade bei Bekanntschaften, mit denen ich noch nicht so vertraut bin. Aber letztlich ist das der Preis, den man zahlen muss, für einzigartige Literatur, für einzigartige Kunst. Glücklicherweise fällt einem das idR. aber erst auf, wenn man längst zu tief drin steckt. Ansonsten würde doch jeder gleich das Schreiben sein lassen, wenn er das von Anfang an wüsste. ;D

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