Writing-Prompt

Als er ein Kind gewesen war, hatte man ihm gesagt, Puppen seien etwas für Mädchen. Er hatte diesen Umstand damals nicht weiter hinterfragt und die Matchboxautos und den Werkzeugkasten, die Bausteine und auch den Kompass, die man ihm in den folgenden Jahren geschenkt hatte, dankend angenommen und sich so lange und ausführlich damit beschäftigt, wie er es für angebracht hielt.
Puppen waren nur für Mädchen. Alfons dachte oft über diesen und ähnliche Sätze nach. Frauen gehörten in die Küche – das war ein anderer. Oder auch: Kleider und Mode interessieren nur Frauen. Und doch standen in den Küchen der wirklich berühmten Restaurants, mit Hauben und Sternen ausgezeichnet, fast nur Männer. Und über die Laufstege von Paris und Mailand flanierten zwar Wesen, die mit echten Frauen soviel gemeinsam hatten wie Matchboxautos mit Ferraris, aber hinter den Kulissen waren es wiederum Männer, die den Ton angaben, die als Künstler und Pioniere gefeiert wurden.
Und ähnlich war es mit den Puppen, hatte Alfons eines Tages festgestellt: sie waren kein Spielzeug für Jungs, sondern ein Betätigungsfeld für erwachsene Männer, die nach Ruhm und Anerkennung strebten. Alfons hatte von beiden inzwischen genug. Zumindest in gewissen Kreisen, die aber seiner Meinung nach die einzigen Kreise waren, die wirklich zählten. Genauso, wie er genug Puppen hatte. Zweitausendsiebenundsechzig, um es genau zu beziffern. Alle aus edelsten Materialien, wundervoll gearbeitet und mit hohem Sammlerwert. Sie saßen in einem geräumigen, hellen Zimmer seiner kleinen Stadtvilla, tranken Tee aus antiken Chinaporzellan und Alfons genoss es, unter ihnen zu verweilen und ihren Gesprächen zu lauschen. Sie waren soviel erholsamer, menschlicher und würdevoller als das Geschrei, das ihn im Alltag auf den Straßen umgab.
Ab und an bekam Alfons Besuch. Meist von anderen Sammlern, die seine Leidenschaft teilten und verstanden. Oder von Patienten und ihren Besitzern, die ihm hoffnungsvoll ihr ganzes Vertrauen schenkten, zitternd dabei zusagen, wie Alfons mit seinem Werkzeug winzige, trübe Augen aus brüchigen Höhlen löste und durch neue, funkelnde Exemplare ersetzte, die erneut einen tiefen Blick in die Seele der Engel aus Porzellan gewährten. In diesen Momenten war Alfons stolz und glücklich. An anderen Tagen, wenn Reporter auf der Suche nach einer neuen Sensation an seine Tür klopften, war er hingegen immer ungeduldig und nervös. Er wusste zu gut, dass dieser Menschenschlag nicht viel von ihm und seinem Werk hielt, es vielleicht bewunderte, wie sie ebenso einen schlimmen Verkehrsunfall oder einen bestialischen Mord bewunderten. Sie sahen den Mehrwert für sich selbst darin und missachteten die fragile, geheimnisvolle Ästhetik, die in diesen Dingen verborgen lag. Alfons war immer froh, wenn diese Leute sein Haus so bald als möglich wieder verließen. Dann stand er hinter der Türe und lauschte, wie der Wagen, der vor dem Tor geparkt hatte, startete und die Straße hinunter fuhr. Alfons blieb stehen und wartete, bis das Auto hinter der Kurve verschwunden war und zählte stumm seinen Herzschlag, der das ganze Haus füllte.
Einundzwanzig.
Zweiundzwanzig.
Dreiundzwanzig.
Mit einem tiefen Atemzug löste Alfons sich von der Tür und ging den Gang hinunter. Er schloss das Puppenzimmer sorgfältig ab und wandte sich dann um. Auf dem Tisch standen noch die Tassen, halbvoll mit Rosentee. Alfons konnte Unordnung nicht leiden. Aber nun war er zu aufgewühlt, um sich mit Aufräumen zu befassen. Er ging den Flur hinunter und öffnete die der Wand angepasste und somit gut verborgene Tür, hinter der einige Stufen in dunkle Tiefe führten. Der vertraute, liebgewonnene Geruch von Einbalsamierungsflüssigkeit und Äther wehte Alfons von dort entgegen. Er seufzte erleichtert, betrat die obersten Stufen der Treppe und schloss die Tür hinter sich, um mit seinen wahren Lieblingen allein zu sein. Durch den Flur des Hauses hörte man noch ein paar Stufen knarren. Dann erklang ein schriller Schrei und ein Krachen. Ein dumpfer Knall beendete beides und Stille legte sich über das Haus. Im Zimmer der Puppen schwieg man besorgt.

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