Der AbGrund der Kommunikation

Es gibt kaum etwas, das von Autoren – und ich glaube ins Besondere Fantasy-Autoren – so sehr verteufelt wird wie Stereotypen und Klischees (von Adjektiven mal abgesehen, aber dazu ein anderes Mal). Aber ich glaube es war Terry Pratchett, der irgendwann mal sagt, das Klischees Hammer und Nagel im Werkzeugkasten der Sprache und damit unumgänglich für die Kommunikation sind.

 

Mit dem Holzhammer

Was genau ist das Problem mit Klischees und Stereotypen? Sie sind schon zig tausend Mal dagewesen. Sie sind unreflektiert und oberflächlich. Der Leser kennt sie in und auswendig – im besten Fall nimmt er sie seufzend hin, im schlimmsten Fall langweilen sie ihn. Für den Autor, der ja unterhalten und Spannung aufbauen will, heißt das, Klischees zu meiden wo er nur kann und nur dreidimensionale Charaktere zu erschaffen. Was oftmals bedeutet mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

Denn in einigen Fällen sind Klischees und Stereotypen genau das, was wir brauchen. Ab und an benötigen wir ein Element, das in seiner emotionalen und symbolischen Bedeutung umfassend bekannt ist und von jedem Rezipienten sofort erkannt und verstanden wird. Sei es eine Figur in einer Nebenrolle der Geschichte, oder das Setting an sich.

In Feuergabe habe ich die typischen Fantasyvölker benutzt – Drachen und Halblingen sind genauso anzutreffen wie Menschen, Elfen und Zwerge. Warum habe ich das gemacht? Weil ich nicht die Geschichte der Welt erzählen wollte, sondern die Geschichte meines Helden. Alec bewegt sich in einer Welt, die den Lesern schon nach den ersten Kapitel vollkommen vertraut erscheint. Eben, weil sie sie bereits aus zahlreichen anderen Fantasy-Romanen kennen. Sie müssen sich nicht erst orientieren und ich als Autor laufe nicht Gefahr Infodumping zu betreiben oder gar Spannung raus zu nehmen, indem ich mich mit sorgfältig eingeflochtenen Beschreibungen und Erläuterungen verzettel.

 

Den Pinsel schwingen

Das Wichtige beim Einsatz solcher Klischees ist, dass man sie tatsächlich den eigenen Bedürfnissen anpasst. Das meiste, von dem, was der durchschnittliche Leser über Elfen und Zwerge weiß, stammt zum Beispiel aus Tolkiens Werken, beziehungsweise deren Verfilmungen. Diese Grundlage wurde in Romanen, Filmen, Spielen und Bildern immer und immer wieder neu aufgearbeitet. Aber immer mit eigenen Details, kleinen Änderungen. Die Grundidee blieb jeweils bestehen, bekam aber jedes Mal einen Anstrich. Manchmal ist es auch ein kleiner Twist. In Feuergabe habe ich zum Beispiel die nach außen hin friedliche und fast utopische Gesellschaft der Elfen tief gespalten, um so einen Konflikt für die Hintergrundgeschichte einer Figur zu schaffen.

In der allerersten Version von Königskinder gab es ebenfalls Elfen. Aus irgendeinem Grund habe ich sie mir aber damals ganz anders vorgestellt, als man sie landläufig kennt. Die vollkommen grünen Augen und die übermäßig langen Ohren sind eher Stilelemente aus Animes und Mangas, die keine ganz so große Signifikanz in unserer westlichen Mainstreamkultur haben. Als ich mit dem Schreiben begann, wurde mir schnell klar, dass ich zuviel an den Elfen ändern wollte, um damit auf einen Konsens bei den Lesern zu treffen. Es ist vielleicht ein Phänomen der heutigen Medienwelt, dass solche Abweichungen von einem bestehenden Bild teilweise zu heftigem Widerstand führen. Das hängt mit der Natur von Klischees zusammen – sie sind wie gesagt so grundlegend und fest verankert, dass ein Rütteln daran verunsichert.

„Die Leute wollen keine Neuigkeiten, sie wollen Altigkeiten.“ Wie es (natürlich mal wieder) Terry Pratchett so treffend formuliert hat. Das ist eine sehr grobe Aussage, aber in ihrem Grundtenor durchaus richtig: Menschen neigen dazu Vertrautes zu schützen und Fremdes bestenfalls mit Zurückhaltung, meist aber erstmal mit Ablehnung gegenüber zu treten. Wird etwas Vertrautes verfremdet, ist die Reaktion natürlich ungleich stärker.

 

Neue Besen kehren besser

Ich bin mir vollkommen im Klaren darüber, dass ich mit dem letzten Absatz womöglich ebenfalls heftigen Gegenwind herauf beschwöre. Als durchaus positiv ausgerichteter Realist weiß ich, dass sich diese Haltung der Gesellschaft langsam aber sicher ändert (auch wenn im Moment gerade das Gegenteil der Fall zu sein scheint). Das spiegelt sich vor allem darin wieder, dass heutzutage immer öfter mit Klischees und Stereotypen gebrochen wird. Mehr noch – es gilt praktisch als künstlerische Grundbedingung, Klischees selbst zu brechen und sie auf den Kopf zu stellen.

Die typischen Prinzessinnen, die auf ihren Retter warten, mag man heutzutage einfach nicht mehr, steht ihnen sogar mit großen Bedenken gegenüber. Viel lieber sind uns inzwischen die Prinzessinnen, die selber zur Waffe greifen können, sich frech und charmant ihren eigenen Weg bahnen und uns dabei trotzdem bezaubern. Die Bücher und Filme der vergangenen Jahre sind voll mit ihnen. Zumindest ist das meine persönliche Einschätzung, die vielleicht allein darauf zurückzuführen ist, dass mir alles, was irgendwie rosa ist, zutiefst suspekt erscheint, und ich deswegen kaum auf heute noch existierende typische Prinzessinnen treffe. In den Werken, die ich bevorzuge, tauchen eben fast nur die selbstbewussten Kämpfernaturen auf, die das Herz am rechten Fleck haben.

Und das ist eigentlich das nächste Problem – das Klischee wurde so oft gebrochen und verdreht, dass diese neue Version davon ein Eigenleben entwickelt hat und zu einem eigenen Klischee wurde. Ein neuer Stereotyp von Prinzessin ist das Ergebnis, der oft genauso unreflektiert und oberflächlich eingesetzt und behandelt wird, wie die Damsel in Distress. Die Kategorisierung wird feiner und die Schubladen, in die man gesteckt wird, sind in schönen Farben gestrichen und an den Wänden hängen Poster mit Motivationssprüchen. Aber es bleiben Schubladen und jede Bewegung außerhalb dieser klar umrissenen Grenzen wird wieder misstrauisch beäugt.

 

Präzisionsarbeit

Was sollen wir also mit Klischees tun? Sie fördern Schubladendenken, beziehungsweise umgehen das Denken selbst auf geschickte Art und Weise. Jeder Ausbruch, insoweit er nicht aufgehalten werden kann, wird irgendwann in einen neuen Rahmen gepresst.

Warum tut der Mensch das? Weil er sich so besser orientieren kann. Er findet Halt an bekannten Strukturen und Bildern. Und gerade in einer Welt, die scheinbar immer schneller und schneller ins Chaos abdriftet, ist das umso wichtiger. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist grundlegend menschlich und ebenso ist es daher die Verankerung vertrauter sprachlicher und erzählerischer Strukturen und Bilder im gesellschaftlichen Kollektivgedächtnis.

Als Autor muss man lernen die Grenzen zu finden. Man muss erkennen, welche Klischees man zu welchem Zweck einsetzen kann, wo und wie man sie verdrehen und brechen kann. Man muss sich fragen, was man erreichen will, was man aussagen will, und wie man es am sichersten an den Leser bringt. Sich einfach an alle gegebenen Konventionen zu halten, kommt für uns alle nicht in Frage. Wir sind vielmehr dazu da, sie in Frage zu stellen. Nicht in einem großen, umfassenden Frontalangriff, sondern immer wieder auf neuen Wegen. Einiges davon wird mit der Zeit in die Denkstruktur der Gesellschaft übergehen – neue Klischees werden jeden Tag geschaffen. Aber mit jedem Mal werden sie kleiner und präziser und die Menschen lernen langsam aber sicher, besser mit dieser Individualität umzugehen.

3 Kommentare zu „Der AbGrund der Kommunikation

  1. Interessanter Beitrag. Anfangs war er doch sehr allgemein und wohlbekannt, aber gerade bei deinem Prinzessinnen-Beispiel dachte ich, dass so ein Klischee auch viel mit gesellschaftlichen Konventionen und Normen zu tun hat. (In deinem Schlusswort sagst du dann ja auch selbst, dass sich Klischees und Gesellschaften verändern.) Ich bin mir nur nicht so sicher, ob sich die Gesellschaft anhand von Charakterisierungen in Romanen ändert oder ob sich in den Romanen nur der Wandel widerspiegelt. *Kinn kratzt* Jedenfalls glaube ich, dass nicht alles, was nach Klischee aussieht auch eins ist. Manchmal sind Figuren mit so wenigen Zügen charakterisiert, dass sie automatisch so platt wie Klischees wirken … Hm, schwierig. Mir fällt dazu noch 45 Master Characters ein, in dem die Autorin zwischen Klischees und General Ideas unterscheidet, und ich denke, dass man als erfahrener Schriftsteller irgendwann einen Punkt erreicht, an dem man sich nicht an Klischees sondern eben an den Ideen bedient und sie für seine eigenen Zwecke zu nutzen weiß. Ein Klischee ist nur dann ein Klischee solange seine Struktur bestehen bleibt, wenn man es bricht, bricht man es automatisch in die Ideen auf. Denke ich jedenfalls.
    Ändert insgesamt gesehen natürlich nichts daran, dass man sich beim Schreiben darüber im Klaren sein sollte, woher die Figuren ihren Charakter haben. Da bin ich ganz bei dir.

    1. Ob die Kunst die Gesellschaft nur wiederspiegelt oder auch beeinflusst, ist ein Henne-Ei-Problem. Auf jeden fall schaffen Medien Bewusstsein, heute womöglich mehr als je zuvor. Deswegen wird ja auch viel über Diversität in Filmen und anderen UNterhaltungsmedien gesprochen. Sind Geschichten gut erzählt bzw. gut in Szene gesetzt, sollen sie ja zumindest für eine gewisse Zeit für den Rezipienten zur Realität werden. Und auch wenn diese Zeit vorbei ist, dann nimmt er sicher zumindest ein Stück dieser Realität mit sich.

      1. Das ist ein schöner Gedanke, und ich hoffe auch, dass er auch greift. Wäre jedenfalls schön, wenn Romane auch das Verhalten der Leser im Alltag beeinflussen können.

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