J’achell

Die allererste Version von Königskinder habe ich mit dreizehn Jahren angefangen, denke ich, handschriftlich in einer Kladde, die inzwischen verloren ist. Ich weiß nur noch, dass ich auch hineingemalt habe – ganz vorne und ganz hintern – Raylaeth und J’achell. Die beiden waren damals das Zentrum der Geschichte und auch, als ich vor inzwischen mehr als zwei Jahren begonnen habe, sie neu zu schreiben, geschah das aus der Idee heraus, die dieses Paar noch immer miteinander verbindet – die zwei letzten ihrer Art, die gegen alle Widerstände zusammenfinden sollten. Aber wie jeder weiß: erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt.

 

Spieglein, Spieglein …

Zu den Fragen, die man als Autor öfters gestellt bekommt, zählt auch diese: „Wieviel von dir selbst steckt in deinen Figuren.“ Und die Antwort lautet wie so oft: „Kommt drauf an.“

Es kommt darauf an, um welche Figur es geht und auch auf den Autor und auf das Jahr, in dem er oder sie die Geschichte schreibt. Damals – mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn und wahrscheinlich noch eine Weile danach – gab es in praktisch jeder meiner Geschichten eine Figur, die mehr oder weniger mich selbst repräsentierte. J’achell gehört dazu. Oder besser: gehörte dazu.

Ich kann nicht wirklich sagen, welcher Teil von mir, welcher Aspekt meiner Persönlichkeit J’achell Kern gewesen sein soll. Ich war jung und habe mich darum keine Gedanken gemacht. Ich wollte sein wie sie – stark und selbstbewusst, jemand, der sich seinen Platz in der Welt erkämpft. Schon damals ahnte ich, dass hinter dieser lauten und rücksichtslosen Fassade großer Schmerz zu finden war – J’achell ist die einzige Überlebende eines Genozids, sie hat ihn als Kind miterlebt. Sie ist einsam und auf der Suche nach sich selbst. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

 

Das Biest

Im selben Moment, da ich eingestehe, dass J’achell tatsächlich auch mal ein Teil von mir war und noch ist, muss ich gleich hinzufügen, dass ich ihre Grausamkeit und Kaltblütigkeit sicher nicht als Aspekt meines Selbst betrachte. Ich weiß, dass ich schon mal die Fassung und die Kontrolle verlieren kann. Und früher war das auch noch schlimmer, als ich viel seelischen Mist abbekommen und in mich hineingefressen habe. Irgendwann hat sich dann zuviel angestaut und ich bin explodiert. J’achell war damals vielleicht eine Art Ventil – sie hat sich nie darum geschert ihren Missmut zu verbergen, sondern gab und gibt ihn großzügig weiter, mehr noch als früher sogar.

Insgesamt haben sich eigentlich alle Figuren aus Königskinder „zum Schlechteren“ entwickelt – sind in ihren Gedanken und Handlungen extremer. J’achell geht inzwischen wortwörtlich über Leichen, um zu bekommen was sie will. Ob das nun ein Grund oder ein Zeichen dafür ist, dass sie nicht länger eine Repräsentation meines Selbst ist, habe ich noch nicht ganz heraus gefunden. Fakt ist, dass ich mich ihr nicht mehr so verbunden fühle wie früher und das macht es wesentlich schwerer, ihren Part zu schreiben.

 

Ohne Namen, ohne Platz

Dabei ist J’achells Geschichte – ihr Verlust, ihr Schmerz, ihre Sehnsucht und ihre Verzweiflung, die sie immer wieder dazu verleitet, Fehler zu machen – unglaublich spannend und gibt einen tiefen Einblick in das Wesen der Drain. Sie ist der einzige Perspektiventräger aus den Weißen Völkern. An ihrem Beispiel sieht man, wie wichtig und groß der Zauber der Alten Götter, die jedem Drain „einen Namen und einen Platz“ in Pérranon gaben, wirklich ist und welche zerstörerischen Folgen es hat, wenn dieser Zauber zerbricht.

J’achell ist losgelöst von diesem Zauber und somit nicht mehr Teil der Welt. Sie klammert sich dennoch daran, versucht immer wieder aufs Neue Halt zu finden. Diesen inneren Kampf nutzen die Alfain aus, um sie zu einer Waffe zu machen, die sie gegen die Welt und gegen Raylaeth ins Besondere richten können. J’achell versteht das sogar in Unbewussten, schafft es aber trotzdem nicht, sich von ihren Fesseln zu lösen, sondern verstrickt sich immer tiefer hinein.

 

Ob es für sie ein Entkommen und damit Erlösung gibt, war eine Frage, die ich mir lange gestellt habe. J’achell mag nicht mehr das sein, was sie einst für mich war. Genau wie ich ist sie gewachsen und gereift, selbstständig geworden. Aber nach wie vor verbindet uns die Erinnerung an das, was sie einst war. Ich weiß, dass sie tief im Innern noch immer dieses traurige Kind ist, das gerettet werden müsste, weil es das nicht aus eigener Kraft schafft.

Es ist vielleicht die schwerste Entscheidung, die ich während meiner Arbeit an Königskinder habe fällen müssen – kann ich tatsächlich einen Teil meines Selbst töten?

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